Street Fighter 30th Anniversary Collection Review – Eine Geschichtsstunde in Sachen Fighting Games

Disclaimer: Bevor es hier losgeht, muss ich kurz mal die Terminologie klären, weil da in Deutschland vor langer Zeit mal irgendwas falsch gelaufen ist. Street Fighter (und Tekken, und Smash Bros und Guilty Gear usw.) gehören zum Genre der Fighting Games. Aufgrund salopper Genrebetitelungen in Deutschland in der Anfangszeit des Games-Journalismus (macht immer lachen, das Wort zu lesen/schreiben), wurde hier jedoch Crossbreeding mit der Bezeichnung Beat ’em up betrieben. Ein Beat ’em up jedoch ist ein Spiel á la Final Fight, Double Dragon oder Turtles in Time, d.i. ein Spiel wo es eher um das lineare Durchstreifen von Leveln geht, und nicht hauptsächlich um Arena-Kämpfe 1 vs. 1. #TheMoreYouKnow

How do you do, Ken?

Es ist für mich ein schwieriges Unterfangen, die Street Fighter 30th Anniversary Collection zu be- und verurteilen, denn es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was diese Collection sein will, welche Erwartungshaltung durch das Marketing erweckt wurde und was letztendlich dabei rumkam. Wenn man sich beispielsweise die eher durchwachsenen Reviews zu dem Titel auf Steam ansieht, bekommt man den Eindruck, dass das Spiel ein ganz furchtbar mieser Cashgrab seitens Capcom wäre. Ist das jedoch wirklich so? Die Antwort ist ein ganz klares, diplomatisches Jein.

Street Fighter Collection 1

Ein Museum für Fighting Games, Literally

Das Problem der SF30thAC (offizielle Abkürzung ab JETZT) ist, dass sie nicht versucht, die “Definitive Edition” der beinhalteten Titel zu sein – wie man es eventuell zurecht vermuten würde – sondern vielmehr ein Arcade-Archiv klassischen Street-Fighter-Genusses, inklusive all der Trockenheit, die der Begriff Archiv mit sich bring. Die Collection beinhaltet insgesamt 12 Titel: das originale Street Fighter, fünf (!!!) Versionen von Street Fighter 2, sowie die Alpha- und Street-Fighter-3-Trilogien. Hierbei werden die Ur-Versionen aus den Arcades möglichst originalgetreu emuliert.

Street Fighter Collection 3

Hier liegen die größte Stärke und die größte Schwäche dieser Collection. Rein historisch ist es durchaus interessant und faszinierend, sämtliche klassischen Street-Fighter-Games auf derart authentische Art und Weise zu erleben. Allerdings ist es verständlich, dass es einigen SpielerInnen sauer aufstößt, dass die gebotenen Versionen eben nicht durchpoliert, gepatcht und mit sämtlichen Features und Modi versehen sind, die man eventuell aus bisherigen HD Editions von Street Fighter 2 und 3 kennt.

Street Fighter Collection 2

Vom Historischen zum Wesentlichen

Jedoch: Als historisches Archiv für die Geschichte von Street Fighter (bis zu Street Fighter 3: Third Strike) leistet SF30thAC einen guten Job. Für Fighting-Game-Enthusiasten und Hobby-Historiker kann es spannend sein, den Werdegang dieser Serie nachzuverfolgen, die seit jeher ihr Genre stets mitdefiniert hat. Von Special Moves im OG Street Fighter, über die Einführung von Combos, verschiedenen Geschwindigkeiten, freispielbaren Charakteren und Super Moves in den diversen Iterationen von Street Fighter 2 bis hin zu strategischen Tweaks wie verschiedenen Superleisten und Parrys in Street Fighter Alpha und Street Fighter 3: Das Franchise hat stets innoviert und es ist reizvoll, diese Evolution Schritt für Schritt und in derartiger Authentizität nachzuverfolgen. Zusätzlich bietet das Spiel eine detaillierte Übersicht über den Werdegang der Serie sowie zahlreiche Concept Arts zu sämtlichen Titeln.

Street Fighter Collection 3

Sorry you, Ken!

Und trotz allem verbleibt das Gefühl, dass diese Collection noch so viel mehr hätte sein können. Trotz ihren Wertes als quasi-Archiv für die Geschichte von Street Fighter, leidet SF30thAC sehr unter seiner Feature-Armut. Die Online- und Trainingsmodi (verfügbar für vier der zwölf Titel) erweisen sich als eher rudimentär, und abseits vom Arcade-Modus gibt es nicht viel im Single Player zu erleben und erreichen. Es wäre durchaus schön gewesen, einige der Features vergangener HD Editions – Turnier-Modi, Single Player Combo-Challenges, reizvolleres Matchmaking u.Ä. – in dieser Collection zu sehen. Und es ist schwer, sich vorzustellen, dass es ein großer Aufwand gewesen wäre, solche Features einzubauen, was uns wiederum zum finalen Problem bringt, welches zu Beginn des Reviews angesprochen wurde: SF30AC versucht eine historisch akkurate Repräsentation einer spezifischen Street-Fighter-Experience zu sein und ist dabei im weitesten Sinne erfolgreich. Jedoch erwarten heutige Spielerinnen und Spieler (zurecht?) gewisse Quality-of-Life-Features, die von früheren Iterationen, Ports und Remakes des Franchises bereits zur Schau gestellt wurden und deren Fehlen definitiv den Spielspaß beeinträchtigt.

Ich persönlich unterstütze diesen Titel, da die digitale Archivierung (auch in einer solchen Form) durchaus einen wichtigen Platz in der heutigen Spielelandschaft haben sollte. Dennoch sollte sich jede/r potenzielle KäuferIn bewusst sein, dass hier keine auf maximalen Spielspaß gemünzte HD-Collection geboten wird, sondern vielmehr eine Reise in die Vergangenheit eines genredefinierenden Franchises. In diesem Sinne, TIGER UPPERCUT!

Street Fighter Collection Wertung

Positiv

+ Authentische Emulation der Ur-Versionen klassischer Street Fighter-Titel
+ Extensives Hintergrundmaterial
+ Street Fighter Alpha und 3rd Strike sind immer noch fantastisch
+ Guile’s Theme

Negativ

– Nur rudimentäre Trainings- und Online-Modi
– Ur-Versionen mit Ur-Mängeln
– Quality-of-Life wird zugunsten von Authentizität geopfert

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Written by: Dominik Hellfritzsch