The Outer Worlds Review – Die besten Elemente aller RPGs des letzten Jahrzehnts vereint

Für alle die es nicht wissen: The Outer Worlds ist das neue First Person-RPG, entwickelt von Obsidian, einem Studio aus ehemaligen Black Isle Studio Mitarbeitern, die wiederum an Fallout 1 & 2 arbeiteten. Die Rechte an der Fallout IP wurden Jahre später von Bethesda gekauft und in einer Kollaboration mit dem neuen Markeninhaber entstand später Fallout New Vegas. Inzwischen steckt Bethesda mit dem unterdurchschnittlichen Online-Titel Fallout 76 die Franchise aber in Schwierigkeiten – es könnte also keinen besseren Zeitpunkt für Obsidian geben mit einer frischen Idee in einer neuen Welt durchzustarten; und genau hier kommt The Outer Worlds in Spiel.

Obsidians schöne neue Welt, so bunt wie nie zuvor

The Outer Worlds nutzt ein paar mehr Farben als andere Shooter

Der Weltraum: fremde Planteten, unerschöpfliche Weiten – doch die Realität sieht anders aus: Der Traum von der Freiheit des Weltraums wurde vor Ort von geldgierigen Megakonzernen in Knebelverträgen und Sklaverei-ähnlichen Arbeitsbedingungen erstickt. Und genau hier tritt der Protagonist auf. Als Passagier des verschollenen Kolonieschiffs Hope wird er von Phineas Wells, der vom Vorstand gesucht wird und daher auch ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist, aus dem Winterschlaf geweckt. Mit unserer Hilfe will Phineas das Halcyon-System aus dem eisernen Griff des machthungrigen und Vorstands befreien. Ob man ihm dabei helfen will oder lieber einen ganz eigenen Weg geht, bleibt natürlich euch überlassen.

Phineas Wells hat auch äußerlich das Auftreten eines verrückten Professors

Schon zu Beginn merkt man die DNA von Fallout in The Outer Worlds: die Kampfsituationen, die Fähigkeiten und nicht zuletzt die einprägsamen Charaktere, von denen man sechs auch als Begleiter mit an Bord des eigenen Schiffs nehmen kann und jeweils zwei Stück mit auf die eigentlichen Missionen (was den ein oder anderen zwangsläufig an Mass Effect erinnern wird). Obsidian hat augenscheinlich viel Wert auf den Charakter und die Geschichte dieser Begleiter gelegt, damit sie nicht zweidimensional wirken. Eine versierte, aber äußerst schüchterne Technikerin, ein Vikar, der von einer verbotenen Religion besessen ist, und eine schießwütige Chirurgin sind nur drei Beispiele für die farbenfrohe Welt von The Outer Worlds.

Eine gute Teamzusammenstellung ist das A und O

Farbenfroh in dem Bezug, dass man die staubig-graue Atmosphäre von Fallout durch gesättigte Farben ausgetauscht hat. Manche Umgebungen schillern praktisch in allen Spektren des Regenbogens und verleihen eine wahrhaft exotische Note. Szenenwechsel bieten die unterschiedlichen Planeten, die bereist werden können, doch um diese zu betreten, benötigt das Schiff, die „Unreliable“, zuerst mal die richtigen Codes zur Landung. Obsidian hat sich zudem dazu entschieden keine großflächigen Umgebungen zu konstruieren, sondern eher kleinere Spieleareale zu nutzen, deshalb kann man auf dem selben Planten verschiedene Häfen ansteuern, die nicht miteinander verbunden sind.

Mit Erhalt neuer Landecodes kann man auch mehrere Häfen anfliegen

Gameplay von einem anderen Stern (oder einer anderen Spielereihe)

Die Begleiter können überaus nützlich sein, verfügen sie doch über Fähigkeiten, die der Spieler im Kampf einsetzen kann. Wer auf dem Steuerkreuz in einer brenzligen Lage den Befehl zu so einem Manöver gibt, wird Zuseher einer kurze Zwischensequenz, in welcher der Vikar mit seiner Schrotflinte schießt oder Parvati mit ihrem elektrisch aufgeladenen Einschlaghammer alles kurz und klein schlägt.

Wo der Hammer einschlägt, wächst kein Gras mehr

Abseits der Companions weiß sich der Protagonist mit allen möglichen Schlag-, Kurz-, Lang- und Energiewaffen zur Wehr zu setzen. Und als Alternative zu dem V.A.T.S.-System in Fallout gibt es in The Outer Worlds eine Taktische Zeitdilation – kurz TZD. Dieser stoppt das Kampfgeschehen nicht, sondern verlangsamt es nur. Dafür werden je nach getroffener Körperregion schädliche Effekte beim Gegner aktiv: Ein Treffer im Gesicht blendet ihn, einer in den Abdomen lässt ihn bluten, Schüsse gegen Arme und Beine lähmen und solche in den Schritt „schwächen“ den Beschossenen.

Ein Schuss zwischen die Augen vermindert die Zielgenauigkeit

Außer Standardwaffen, die an Werkbänken unter dem Menüpunkt „Tüfteln“ aufgebessert und mit Mods (z.B. extra Korrosionsschaden oder verbessertes Zielfernrohr) versehen werden können, gibt es noch einzigartige Waffen, die nicht aufrüstbar sind, und schließlich noch „Wissenschaftswaffen“. Dabei handelt es sich um nahezu legendäre Objekte, die im ganzen Spieleuniversum verstreut sind und vom Spieler gefunden werden wollen. Sie besitzen Effekte, die keine andere Waffe vorweisen kann, da wäre zum Beispiel den Prismahammer, der mehrere Schadenstypen auf einmal austeilt oder der Schrumpfstrahler, der, nun ja, die Widersachern auf Minimalgröße schrumpft.

Einzigartige Waffen sind im Menü grün hinterlegt, Wissenschaftswaffen hingegen lila

Für die Aufwertung des eigenen Charakters gibt es eher standardmäßig Fertigkeiten, die unter Nahkampf, Fernkampf, Verteidigung, Dialog, Tarnung, Tech und Führung. Vorteilspunkte werden für permanente Skills, wie die Fähigkeit schneller zu laufen oder mehr zu tragen, vergeben. Der Spieler erhält jeden zweiten Stufenaufstieg einen Vorteilspunkt, allerdings gibt es noch eine zweite Möglichkeit, die nützlichen Punkte zu erhalten: Wer sich freiwillig Schwächen aufbürdet, erhält im Gegenzug weitere Vorteilspunkte. Zu oft von Plasmafeuer versengt? The Outer Worlds registriert das und bietet dem Spieler einen permanenten Malus gegen sie an, doch schlussendlich liegt die Entscheidung bei ihm selbst, ob er sie annehmen möchte.

Wer oft von Robotern getroffen wird, kann eine Phobie gegen sie entwickeln – aber nur wenn der Spieler das will.

Und selbst zu dem verschiedenen Fraktionen, die der Protagonist auf seinen Abenteuern trifft, hat sich Obsidian noch etwas überlegt: Anstatt nur geliebt oder gehasst zu werden, ist jetzt beides gleichzeitig möglich; ein Zustand, den Fraktionen wie Spacer’s Choice oder den Vorstand „nervös“ macht.

Fazit

Stellt The Outer Worlds die Emanzipation Obsidians von der Fallout-Franchise dar und könnte den Grundstein für eine neue ganz eigene IP legen? Definitiv! Auch wenn viele Aspekte natürlich an Fallout erinnern, ist es dennoch weit genug davon entfernt für sich alleine zu stehen. Wichtiger ist aber: der Titel macht unheimlich viel Laune. Eine Welt mit faszinierender Lore und jeder Menge interessante Charaktere, die sie bevölkern, klingt schon nach einer reizvollen Prämisse. Dazu noch ein wasserdichtes Gameplay, das ein ganz kleines Problem mit dem Balancing hat, welches ein wenig zu sehr zugunsten des Spieler ausfällt (man kann sehr schnell hohe Geldsummen anhäufen), und ein Kampfsystem, das ein Eck kreativer als bei Fallout ausfällt, zeigen, dass bei Obsidian Meister ihres Fachs arbeiten, die es wirklich verstehen, auch mit schmalerem Budget ein RPG zu erschaffen, das locker mit den Besten seines Genres mithalten kann.

Positiv

+ komplexe NPCs mit Handlungssträngen, die mehr als schwarz und weiß sind

+ Kampfsystem baut auf Fallout auf, verbessert dieses aber sogar noch

+ Obsidian hat eine reiche Welt erschaffen, der es an Twists und Details nicht fehlt

+ altbackenes Fraktionssystem und Fertigkeitspunktvergabe mit neuen Ideen versehen

+ galaktische Schauplätze sind farbenprächtig und imposant aufgebaut

Negativ

– Balancing nicht ganz ausgereift

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger