Playstation Classic Mini Review – Das ist nicht die Playstation, die ihr sucht!

Seit Ende der frühen 2000er ist Retrogaming wieder im Trend. Die Gründe hierfür liegen klar auf der Hand: Die Kinder von damals sind die Erwachsenen von heute und treten gerne einmal die Reise zurück zu ihren Gamingwurzeln an. Ausserdem kann man anhand der alten Konsolen den beeindruckenden Werdegang der Technik im Wandel der Zeit sehen. Leider ist das mit alten Maschinen auf neuen Anzeigegeräten durch veraltete Standards einfach nicht mehr gut durchführbar und nicht jeder hat Stauraum für einen alten Röhrenfernseher samt dem Kabelwerk eines Atomkraftwerks, also haben sich immer mehr Hersteller zum Bau von Retromaschinen auf Lizenzbasis entschlossen, doch leider war auch das mehr schlecht als recht umgesetzt. 2016 hat Nintendo mit dem NES Classic Mini jedoch die erste offizielle Minikonsole veröffentlicht und setzte 2017 mit dem in allen Bereichen verbesserten SNES Classic Mini eins drauf. Ab diesem Zeitpunkt war es eigentlich nur klar, dass auch Konkurrent Sony seiner Playstation 1, welche heuer bereits 24 Jahre alt ist und einen unangefochtenen Wendepunkt in der Geschichte der Videospiele darstellt, eine Neuauflage im Miniformat spendieren wird. Pünktlich zum Originalrelease der Playstation 1 in Japan anno 1994 hat der japanische Traditionskonzern seine Playstation Classic Mini am 03.Dezember veröffentlicht. Erfährt in unserem Review, warum Sonys Gerät eine der größten Enttäuschungen des Jahres ist.

The Good: Optik, Verarbeitung und ein übersichtliches Menü

Als Liebhaber und Besitzer der ersten Playstation fällt einem natürlich die im Originalstil gehaltene Verpackung auf, welche alle 20 vorinstallierten Spiele sowie den Inhalt der Box beschreibt und wirklich hübsch daherkommt. Neben der Konsole befinden sich in der Box noch zwei Controller im Originalformat, ein HDMI Kabel sowie ein Micro USB Kabel zum Laden der Konsole. Zu erwähnen sei, dass Sony sich hier an der Konkurrenz orientiert und kein Netzteil beilegt, ihr die Playstation Classic Mini allerdings ohne Probleme über einen USB Port eures TV Geräts oder einem handelsüblichen Netzteil eines Smartphones mit Strom versorgen könnt.

Vor einem stehend macht die kleine Konsole, welche gerade einmal die Hälfte einer PSOne, des kleineren Redesigns der Playstation 1 aus dem Jahr 2000, ausmacht einiges her, ist Sie zur Gänze dem großen Vorbild nachgebildet und wirkt Dank des speziellen Grautons, welcher die Urkonsole ausmachte, sehr authentisch. Auch die Controller greifen sich gut, wenn auch anders als in der ursprünglichen Fassung von 1994 an und kommen dem Original mit Ausnahme eines geringeren Druckpunktes sowie eines eindeutig leichteren Gewichts doch sehr nahe. Zur Kabellänge möchten wir in einem anderen Abschnitt eingehen, da diese separat zu betrachten ist.

Ist die Konsole aufgedreht wird man umgehend von einem angenehmen Hauch von Nostalgie umgeben, ertönt hier der legendäre und futuristische Startup-Sound wie schon damals in voller Pracht aus den Boxen. Auch danach gibt es durchaus ein positives Gefühl, denn das Menü ist äußerst übersichtlich gestaltet und ihr könnt ohne Probleme zwischen den Spielen hin und herwechseln. Nebenbei verfügt ihr auch über zwei virtuelle Memory Cards, wo der Fortschritt in euren Spielen gespeichert wird. Ebenfalls positiv erwähnenswert: Optional könnt ihr aber auch nach dem Verlassen des Spiels und sogar beim erneuten Einschalten der Konsole dort weitermachen, wo ihr aufgehört habt, sofern das Spiel nicht neugestartet wurde.

The Bad: Inkonsequente Spieleauswahl, kein Dualshock und teilweise PAL Versionen

Folgende 20 Titel sind auf der Playstation Classic Mini vorinstalliert:

Battle Arena Toshinden – PAL
Cool Boarders 2 – PAL
Destruction Derby
Final Fantasy VII
Grand Theft Auto – PAL
Intelligent Qube
Jumping Flash! – PAL
Metal Gear Solid
Mr. Driller
Oddworld: Abe`s Oddysee – PAL
Rayman
Resident Evil: Director`s Cut
Revelations: Persona
Ridge Racer Type 4
Super Puzzle Fighter II Turbo
Syphon Filter
Tekken 3 – PAL
Tom Clancy`s Rainbow Six – PAL
Twisted Metal
Wild Arms

Die Spieleauswahl wirkt Anfangs wie ein Querschnitt durch die Entwicklung der Playstation und hat vor allem Klassiker wie Ridge Racer Type 4 oder den Launchtitel Jumping Flash! sowie das erste Grand Theft Auto dabei, aber auch speziellere Titel wie Wild Arms oder Revelations: Persona, welcher die Geburt der namensgebenden Persona-Reihe darstellt, in Petto. Unverständlich ist es jedoch, warum Spiele wie Battle Arena Toshinden, welches damals schon nicht gut ankam und erst mit einem guten dritten Teil eine größere Bekanntheit erlangte (nur um danach in der Versenkung zu verschwinden) oder Tom Clancy`s Rainbow Six, welches mit seinem Layout mehr einer Fingerverdreherei als einem Spaß gleicht, vorhanden sind und hingegen Spiele wie WipEout 2097, Ape Escape, Medievil oder gar Gran Turismo 2, eigentlich nur das Spiel, welches sich am meisten für die Playstation 1 verkauft hat und Top-Wertung über Top-Wertung einheimsen konnte, außen vor gelassen wurden. Man könnte sich das noch am ehesten mit dem Ausbleiben von Dual Shock Controllern erklären, die ein Layout mit zwei Analogsticks bieten und für diese Games erforderlich sind, aber da kommen wir zum nächsten der leider überwiegenden Kritikpunkte der Playstation Classic.

Spiele wie Ridge Racer Type 4 sind auf eine analoge Steuerung ausgelegt und setzen eigentlich den Dual Shock Controller voraus, der sogar explizit auf der Originalverpackung des Spiels empfohlen wird und ab 1998 Standard für die Playstation war. Die Steuerung verläuft damit abgehackt und einfach nicht so flüssig. Viel drastischer ist das aber bei einem Klassiker wie Metal Gear Solid 1, wo zwar ebenfalls die gesamte Steuerung eigentlich auf den Dualschock Controller ausgelegt ist, aber auch essentielle Kernerfahrungen im Spiel selbst verlorengehen, wie der legendäre Bosskampf gegen Psyscho Mantis, der euren Dualshockcontroller, eure Memorycard- sowie eure Controllerslots „verrückt“ spielen ließ. Das schmälert den Spielspaß enorm und wirkt ebenso inkonsequent und lieblos umgesetzt wie die Spieleauswahl aufgrund der obengenannten Lückenfüller selbst. Man hat hier einfach das Gefühl, dass eindeutig essentielle Momente und der Impact, den die erste Playstation hinterlassen hat, praktisch ignoriert wurden.

Weiteres Unverständnis herrscht bei der Verwendung von PAL Versionen, denn was heute aufgrund angepasster Standards kein Problem mehr ist stellte seinerzeit einen kleinen, aber doch recht gewaltigen Unterschied dar: Während die NTSC Versionen (hierbei handelt es sich um das TV-Format, welches in Amerika und Japan (NTSC-J) zum Einsatz kam) mit 60HZ, einer damit verbundenen schnelleren Framerate sowie einem flotterem Gesamttempo liefen hatten die in Europa und Australien verwendeten PAL Versionen aufgrund des anderen Formats schwarze Balken auf Ober- und unter Unterseite, eine langsamere Framerate und liefen nur mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 83,3% statt der 100%, was vor allem bei Tekken 3, welches sich anfühlt als würde man auf dem Mond kämpfen und insbesondere Grand Theft Auto, welches sich wohl dadurch konstant unterhalb der 20FPS Marke bewegt, sehr negativ aufschlägt. Das sorgt für ein großes Fragezeichen, warum man sich zu diesem Schritt entschieden hat. Seht euch einfach besten einmal bei Gelegenheit Vergleichsvideos auf YouTube zwischen PAL und NTSC an, damit ihr selbst ein Gefühl für diesen Unterschied bekommt.

The Ugly: sehr schwache Emulation, kaum Optionen, Kabellänge

Wer die Playstation 1 kennt oder besitzt wird sich bestimmt auch an die Performance der spiele erinnern: alles lief stabil und relativ rund. Aus heutiger Sicht ist die Grafik zwar kein Quantensprung mehr und insgesamt schlechter gealtert als der 16-Bit Look des Super Nintendo oder Sega Mega Drive, aber die Spiele machen auch heute noch aufgrund ihrer technischen Stabilität sehr viel Spaß. Nicht jedoch auf der Playstation Classic, denn was einst gut lief stottert heute in ungewohnter Holprigkeit daher: Ihr habt in fast allen Titeln mit Einbrüchen in der Framerate und starken Input Lags (besonders extrem bei Twisted Metal und Cool Boarders 2, welches nahezu an der Grenze der Unspielbarkeit ist) zu kämpfen. Auch gibt es beim Sound oft einen Reverb-Effekt, der die Übergänge bei gewissen Sounds extrem verwaschen klingen lässt. Das wirkt nicht nur lieblos umgesetzt, sondern ist eigentlich der stärkste Kritikpunkt, den wir an der Playstation Classic haben, denn dies spiegelt in keiner Weise die Performance der Originalversionen wieder, wie wir bei einem direkten Vergleich zwischen Ridge Racer Type 4 auf der Playstation Classic Mini und einer Original PSOne feststellen mussten. Wir hatten die Playstation technisch definitiv nicht so schlecht in Erinnerung wie Sie sich hier bei der Classic präsentiert.

Nun könnte man doch die etwas schlecht gealterte Optik der Spiele mit diversen Optionen wie einem CRT Filter verschönern, doch auch hier gibt sich Sony schlichter als schlicht: Es gibt weder Optionen noch Filter oder gar Hintergrundmaterial zu den einzelnen Titeln. Als letzten und ebenfalls starken Kritikpunkt müssen wir die Kabellänge der Controller nennen: diese fällt gegenüber den Originalen viel zu kurz aus und orientiert sich eher an Nintendos NES Classic Mini, was ebenfalls für Fragezeichen sorgt, hat Nintendo hier 2017 beim SNES Classic Mini doch nachgebessert in Sachen Kabellänge. All diese Punkte liefern ein verzerrtes Bild einer Konsole ab, die performancetechnisch seinerzeit allen anderen überlegen war und mehr oder minder zum Synonym für das moderne Gaming geworden ist. Wenn ihr euch trotz all dieser negativen Punkte dennoch zum Kauf der Playstation Classic Mini entscheidet, dann seid euch darüber im Klaren, dass das Gerät eher optisch ein Hingucker im Regal als ein wirklich brauchbares Gerät, dass die Originalerfahrung einigermaßen authentisch vermitteln soll, ist.

Fazit

Dank einer inkonsequenten Spieleauswahl, einer teils desaströs schlechten technischen Umsetzung, welche bis zur teilweisen Unspielbarkeit mancher Titel reicht, dem Mix von PAL und NTSC Versionen und einer durchwegs lieblosen Umsetzung ist die Playstation Classic Mini mitunter einer der größten Enttäuschungen des Jahres. Kauft euch für das Geld lieber eine Originalkonsole und genießt die authentische Erfahrung einer der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte des Gamings. Dieses Gerät funktioniert ausschließlich als Sammlerstück für das Regal, wo es zwar eine sehr gute Figur macht, für den Preis aber doch „etwas“ zu teuer ist.

Positiv

+ hübsche Optik

+ solide Verarbeitung

+ gutes Menülayout

Negativ

– inkonsequente und teils fragwürdige Spieleauswahl

– keine Dualshockcontroller trotz Titel, die einen bräuchten

– teilweise Verwendung von PAL Versionen statt NTSC

– grauenhafte Emulation

– starke Performanceprobleme gegenüber Originalkonsole

– massive Inputlags in manchen Spielen bis hin zur Unspielbarkeit

– keinerlei Optionen oder Filter

– viel zu kurze Kabellänge der Controller

– repräsentiert nicht ansatzweise das Originalprodukt

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Written by: Patrice Naderi

Multikonsolero, Film- und Seriennerd aus Leidenschaft, Technikjunkie, Comicsammler, Sportfan und Müslivernichtungsmaschinerie.