Halloween-Special: Silent Hill 2 – Ein Rückblick auf eines der besten Spiele unserer Zeit

Silent Hill 2 ist ein ikonisches Survival-Horror-Spiel von der guten alten PS2 und wohl eines der besten Spiele aller Zeiten. Ja, das habt ihr richtig gelesen: Nicht nur eines der besten Horror-Spiele, sondern wirklich eines der besten Spiele überhaupt. Natürlich gab es das Game später auch für PC und Xbox, aber wir gehen hier auf die Originalversion ein, da ich die anderen leider nie gespielt habe. Die meisten Spielenden, die noch nie Silent Hill 2 gespielt haben, werden zunächst nichts Besonderes daran finden. Was zuerst auffallen wird, sind veraltete Grafiken, hölzern wirkende Steuerungen und seltsam geschauspielerte Zwischensequenzen. Was macht Silent Hill 2 nach über 20 Jahren immer noch so besonders und einzigartig? Ziemlich viel, sehr viel.

Nichts ist so, wie es den Anschein hat

Silent Hill 2 beginnt direkt bedrohlich: James Sunderland erhält einen Brief von seiner toten Frau. Darin schreibt sie, dass sie an ihrem „besonderen Ort“ in der Stadt Silent Hill auf ihn warten wird. Beunruhigt macht sich James auf den Weg in die Stadt und es dauert nicht lange, bis sich das zeigt, was in seinen Ängsten schlummert. Doch James ist nicht die einzige verstörte Person in Silent Hill, es gibt noch andere Charaktere, die ebenfalls mit ihrem Trauma zu kämpfen haben und denen er begegnet. Denn diese ruhige Stadt wird von einer übersinnlichen, spirituellen Kraft heimgesucht, die buchstäblich Ihre Träume wahr werden lassen kann. Im Fall dieser Geschichte ist es das Unterbewusstsein der Figuren, das physische Formen annimmt. Silent Hill 2 wurde auf der PS2 veröffentlicht und, wie der erste Teil, von Team Silent entwickelt, wenn auch unter der Leitung eines anderen Directors und anderer Autoren. Die meisten von ihnen waren bereits zum Zeitpunkt von Silent Hill 1 Teil des recht kleinen Entwicklungsteams. Was auf jeden Fall sehr offensichtlich ist, ist, dass Silent Hill 2 sehr anders ist. Die Erschaffung physischer Manifestationen von Trauma und Verdrängung, die einen umbringen wollen, ist nur eine Möglichkeit, wie Silent Hill 2 den Spielenden verwirrt. Das Design und die Gestaltung der Welt sind so angelegt, dass sie euch in einen Zustand der Verwirrung und Desorientierung versetzen. Der symbolische Nebel vernebelt dabei stets den Weg, ebenso wie der Geisteszustand der Charaktere selbst.

Trotz der Tatsache, dass es sich um ein sehr frühes PS2-Spiel handelt, hat sich alles wunderbar gehalten. Die Modelle sind sehr detailliert und die Texturen haben eine spürbare Realitätsnähe, die alles real erscheinen lässt. Die feuchten, heruntergekommenen Wohnungen sehen aus, als würden sie nach Schimmel riechen, und die Lichteffekte von James Taschenlampe vermitteln einen starken Eindruck. Das Spiel nimmt sich bewusst Zeit beim Aufbau und geht keine Kompromisse ein, um das „breite Publikum“ zu begeistern. Silent Hill 2 ist surrealer, subtiler und hat weniger Gore als sein Vorgänger. Die Atmosphäre war und ist immer noch immens stark, aber das ist noch untertrieben. Es ist ein Spiel, das mich langsam immer tiefer in eine traumähnliche Hölle hineingezogen hat und lange nach meinem ersten Durchspielen dachte ich immer noch darüber nach. Das Ende war für mich wirklich ein mentaler Schlag. Jetzt, Jahre später, kann ich besser zurückschauen und verstehen, warum dieses Spiel so einen Einfluss auf mich und viele andere Spielende hatte. Was macht Silent Hill 2 jetzt so einzigartig?

In my restless dreams

Alles, was ihr mit James erlebt, ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und durchdacht. Am Anfang muss man einen langen Weg durch einen Wald/Park zurücklegen, bevor man Silent Hill erreicht. Dadurch baut sich von selbst eine Spannung auf. Außerdem hört man irgendwo auf dem Weg plötzlich zusätzliche Schritte, als ob einen jemand verfolgt. Und hier kommt ein wirkliches Detail: Diese Schritte beginnen erst, wenn man läuft und hören sofort auf, wenn man stehen bleibt. Genial, und solche Details sind in Spielen immer noch äußerst selten. Silent Hill 2 steckt voller solcher Dinge. Das Timing dieser Momente und Wendungen in der Handlung sind dabei besonders hervorragend. Dabei spielen auch die Nebencharaktere eine sehr wichtige Rolle. Warum verhalten sich alle so seltsam? Und warum scheint Silent Hill diese Menschen alle wie eine Art Entität in die Stadt hineingezogen zu haben? Zu all diesen Themen gibt es unzählige wirklich gut gemachte Interpretations-Videos und ich kann mit Sicherheit sagen, dass sich fast alle lohnen. Denn es gibt auf viele Dinge keine klare Antwort, sondern nur Erklärungen. Und auch das trägt zum Mysterium bei, ohne aber jemals zu weit hergeholt oder extra verwirrend zu sein. Nein, genau richtig, subtil und albtraumhaft genial.

Die Macher waren Fans von David Lynch und das ist auch offensichtlich. Das erste Gebäude zum Beispiel, in dem man herumläuft und Rätsel löst, ist ein Apartmentkomplex, der wohl auf dem aus Blue Velvet basiert. Aber es geht über Easter Eggs und Verweise hinaus. David Lynchs erster Film, Eraserhead, hat die seltsame Eigenschaft, dass die Menschen in allen Schauspielszenen aneinander vorbeireden, ohne Blickkontakt. Es ist schwer zu erklären und etwas, dass man sehen muss, aber in Silent Hill 2 wird genauso gespielt und das macht alles noch umheimlicher und so wunderschön bizarr. Aber in Silent Hill 2 wurde nichts „einfach so“ gemacht. Auch die Musik und Sounds, die gespenstischsten Geräusche, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, sind dabei perfekt von Meister Akira Yamaoka abgestimmt. Die Kreaturen klingen völlig unmenschlich und sind dennoch in der Lage, mit ihren Geräuschen unheimliche Gefühle zu vermitteln. Yamaokas unheimlicher und düsterer Score ist das Markenzeichen der Atmosphäre von Silent Hill 2 und der gesamten Serie. Die träumerischen Klänge in den entspannteren Gegenden haben einige langsame, hipp-hoppige Elemente. Die alptraumhaften Sequenzen tendieren zu industriellem Lärm, die Art von Sound, die einen in den Wahnsinn treibt und die Muskeln vor Anspannung verkrampfen lässt. Gepaart wird all dies mit den vielen teils subtilen, teils etwas offensichtlicheren Vielschichtigkeiten im Design und der Welt.

Der dichte Nebel im ersten Silent Hill war aus Notwendigkeit vorhanden, da die PS1 sonst explodiert wäre, letztendlich hat der dichte Nebel das Spiel aber noch gruseliger gemacht. Und Silent Hill 2 nimmt diesen Nebel direkt gekonnt mit und perfektioniert ihn. Aber da hört es nicht auf. Alle Feinde, alle Orte und alle Rätsel haben eine dahinter liegende Symbolik oder Bedeutung. Der erste Punkt im Spiel, wo ihr die so wichtige Taschenlampe erhaltet beispielsweise ist ein Büste, die gekleidet ist wie eure vermeintlich verstorbene Frau Mary. Nur Zufall? Oder all die euch begegnenden Feinde, die in sich verwickelte Mannequins darstellen oder aufeinander gesetzte Beine. Warum? Wir wollen nicht alles verraten, aber James Sunderland ist mit dem Zustand, in dem seine Frau so lange aufgrund ihrer Krankheit war immer sehr unzufrieden gewesen, entwickelte fast so etwas wie Hass und dies spiegelt sich bei ihm zunächst auch in sexueller Frustration wieder, was wiederrum die Stadt Silent Hill nutzt, um ihm dies vor Augen zu führen. Ebenso funktioniert übrigens auch die Ikone Pyramid Head. Denn schaut man unter den so grotesken Kopf der Kreatur, so findet man ein Charaktermodell von James. Auch das ist keinesfalls Willkür.

Panzersteuerung trifft auf kluge Rätsel

Doch kommen wir auch einmal zum Gameplay selbst. Bei Silent Hill 2 steht nämlich nicht der Stil über dem Inhalt; das Gameplay ist immer noch fesselnd und spannend wie eh und je. Wie die meisten Survival-Horror-Spiele aus den frühen 2000er Jahren setzt auch Silent Hill 2 auf Erkundung, Rätsel und Kampf. Rätsel und Erkundung werden in diesem Fall gegenüber dem Kampf besonders hervorgehoben. Es handelt sich um ein Spiel aus einem Genre, das aus dem Point-and-Click-Adventure hervorgegangen ist, nicht aus der Action. Die Auswahl an Waffen mit unterschiedlichen Eigenschaften gibt einem das Gefühl, dass man eine reale Chance hat, eine Bedrohung zu überwinden und haut dabei auch ganz ordentlich rein. Doch dabei trifft leider auch nicht immer alles, denn James ist kein Supersoldat und schießt eben auch einmal daneben, was nur ein weiteres, so durchdachtes Puzzleteil, ist. Übrigens falls ihr euch mit Panzersteuerungen und festen Kamerawinkeln schwer tut, gibt es eine Option, die relative analoge Bewegungen bietet. Die verschiedenen Modi, die es jedem ermöglichen, das Spiel zu erleben, machen es nämlich auch für die heutige Zeit ziemlich zugänglich.

Der eigentliche Spaß im Gameplay besteht aber darin, durch die Schauplätze zu navigieren und die Geheimnisse zu lüften, während man Konfrontationen nach Möglichkeit vermeidet. Die Erkundung labyrinthischer Levels, das Sammeln merkwürdiger Puzzleteile und das Erleben allmählicher Veränderungen in der Umgebung machen das Spiel zu einem Meisterwerk, und es ist dabei so sorgfältig ausgeführt. Um viele der Rätsel zu lösen, muss man den verschiedenen Notizen und Umgebungsdetails große Aufmerksamkeit schenken. Selbst auf der einfachsten Rätseleinstellung ist es nicht möglich, diese mit Gewalt zu überwinden. Silent Hill 2 ist ein Spiel, das den Spielenden respektiert und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Die Art und Weise, wie die Entwickler mit den Erwartungen spielen, ist ebenfalls ein Geniestreich. Einige Entscheidungen mögen fragwürdig erscheinen, aber sie dienen alle einem höheren Zweck. Die besten Momente von Silent Hill 2 sind die, in denen das Spiel Psychologie auf die Spielenden anwendet, und das tut es sehr oft. Einige Teile, die sich auf das Ende auswirken, werden auf sehr organische Art und Weise gehandhabt, sie beruhen ausschließlich auf den Handlungen und nicht auf einer Menü- oder Dialogauswahl. Schaut ihr euch beispielsweise immer wieder den Brief von Mary an, nur um irgendwann zu merken, dass dieser vollkommen leer ist, so wird dies Einfluss auf das Ende von James Geschichte haben. Wir könnten noch lange weitermachen und die Genialität des Spiels weiter unterstreichen, doch spielt dieses Meisterwerk lieber einmal selbst oder schaut euch es euch zumindest in Form von Videos an.

Leider sind physische Versionen von Silent Hill 2 selten geworden und die HD Collection ist in keinem Fall zu empfehlen, um diesen Klassiker zu erleben. Sie ist gespickt mit Bugs, Abstürzen und horrender Grafikfehlern. Wenn ihr Silent Hill 2 spielen wollt, solltet ihr dies am Besten in der von Fans erstellten „Enhanced Edition“ spielen, bis vielleicht das sich aktuell in Entwicklung befindlichen Remake Abhilfe schafft.

Fazit

Silent Hill 2 ist ein Meisterwerk des Psycho-Horrors, sowohl in Bezug auf den Inhalt der Geschichte als auch auf die Art und Weise, wie es auf den Spielenden wirkt. Bei allen anderen erschrickt man sich, bei Silent Hill hat man Angst. Denn das meiste Grauen entsteht durch die eigenen Ängste und die Spannung, was wohl hinter der nächsten Ecke lauern mag. Diese Art von Effekt ist für Spieleentwickler oft nur schwer zu erreichen, aber Silent Hill 2 schafft es, dies zu perfektionieren.

Dies ist natürlich ein furchtbar subjektiver Testbericht, der durchaus durch viele persönliche Momente der Angst, Trauer und purer melancholischer Begeisterung beim Spielen geprägt wurde.

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Written by: Nick Erlenhof

Hitoshura, Sith & FOXHOUND-Spectre

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