Review: Wasteland 3 – Ist das Indie-RPG zu ambitioniert für sein eigenes Wohl?

Das ursprüngliche Wasteland erschien 1988 für Apple II, C64 und Konsorten – man kann wohl gut und gerne behaupten, dass es hier einige Leser geben wird, die weit jünger sind als der Erstling der Reihe. Seitdem hat sich viel getan in der Spielewelt, beispielsweise wurde in den Neunzigern ein spiritueller Nachfolgern namens Fallout entwickelt, der inzwischen durch Bethesda zur weltbekannten IP aufstieg, aber mit Fallout 76 in der Gunst der Spieler ins Bodenlose fiel. Und Wasteland selbst? Game Director Brian Fargo konnte 2014 – ganze 26 Jahre später – dank Kickstarter ein Sequel veröffentlichen, und nun folgt aufgrund der guten Kritiken des zweiten Teils mit Wasteland 3 nun eine weitere Fortsetzung. Wir haben uns den Titel genauer angesehen!

Die Desert Ranger ziehen wieder – diesmal in der eiskalten Apokalypse von Colorado

Das Wasteland-Universum spielt auf einer alternartive Zeitlinie, in der die USA durch Atombomben verwüstet wurde – bereits hier erkennt man die Fallout-DNA – dabei wird lose an die Ereignisse von Wasteland 2 angeknüpft: Damals waren die Ranger gezwungen, ihren eigenen Stützpunkt mit einer nuklearen Bombe zu zerstören, und nun befinden sie sich aufgrund von Versprechungen für Mittel zum Wiederaufbau, die ihnen der sogenannte Patriarch gab, auf dem Weg in das verschneite Colorado. Doch auf der Reise wird der Einsatztrupp Opfer eines Hinterhalts, und ein Duo aus zwei vorgefertigten oder selbsterstellten Ranger gehört zu den wenigen Überlebenden.

Nach einem Gefecht mit der lokalen Schurkenfamilie, den Dorseys und ihren Handlangern, welches als Tutorial dient, steht ihr wenig später dem Patriarch gegenüber. Dieser erklärt euch, das seine Unterstützung an eine Bedingung geknüpft ist: Seine drei Kinder – die dominante Liberty, der technikaffinen Valor und der psychopatische Valor – wollen jedes eigenständig die Kontrolle über Colorado an sich reißen und sollen daher dingfest gemacht und bestenfalls lebendig zu ihm gebracht werden. Dies ist allerdings alles andere als einfach, den sein Nachwuchs ist über den ganzen Bundesstaat verstreut und besitzt zur Verteidigung eine eigene bewaffnete Streitmacht.

Eine Party aus Freaks, Psychos, Ziegen und einem Panzertruck

Zusätzlich stellt euch der Patriarch eine ältere Räumlichkeit zur Verfügung, die erstmal erkundet werden will. Hier werden später vom Spieler verschiedene NPCs angeworben, dort ihre Dienste zu leisten: Vom Arzt über den Mechaniker bis zu einer Museumskuratorin kann das neue Ranger-HQ mit verschiedensten Dinge (inklusiver Gefängnisinsassen) befüllt werden, um euren Hub mehr Bandbreite zu verleihen. Vorhin erwähnter Mechaniker kümmert sich vor allem um euer Fortbewegungsmittel, den Kodiak. Dabei handelt es sich um gepanzerten Truck mit Außenbewaffung, der zwerlei Zwecke erfüllt.

Einerseits bewegt ihr euch damit über die Weltkarte – klare Sache! Sobald ihr in den Kodiak steigt, könnt ihr durch das gesamte Colorado mit seinen Schneestürmen, Blitzen und Strahlungsgebieten reisen, wobei es hier auch geschehen kann, dass ihr spontan für zufällige Begegnugen (zB Kampf oder Dialog) angehalten werdet. Diese Events können manchmal auch textbasierend gelöst werden; wer einen hohen Skill-Check erfolgreich besteht, kann sich schnell aus der Affäre ziehen und dabei vielleicht sogar noch Profit einstreichen.

Andererseits ist der Kodiak auch ein mächtiges Partymitglied, das aufgrund seiner Größe zwar nicht über das gesamte Schlachtfeld ziehen kann, aber von der hintersten Feuerlinie den Gegner kräftig einheizt und den ein oder anderen unter seinen Rädern zerquetscht, falls sie ihm zu nahe kommen. Die restliche Party besteht aus euren (vor-)gefertigten Ranger sowie anderen NPCs, die ihr im Storyverlauf zum Beitritt bewegt. Dabei darf die Gruppe allerdings nie nur ausschließlich aus beigetreten NPCs bestehen, zugleich dürfen aber auch nur maximal vier selbsterstellte Charaktere Teil der Party sein.

Neben diesen sechs Mitgliedern (plus Kodiak) ist es dem Spieler zudem möglich, mit der Fertigkeit „Tiere zähmen“ einen vierbeinigen Mitstreiter zu gewinnen. Wer also genug Punkte investiert hat, kann Hauskatzen, Füchse, Wölfe, Hühner, zweiköpfige Ziegen und viele mehr für die eigene Sache einsetzen. Andere Skills umfassen lustige Titel „Arschkriecherei“ (Rede-Skill) und „Hinterhältiger Scheiss“ (Stealth-Skill) sowie das ungewöhnliche „Toaster reparieren“. Klassischer sind da schon die Attribute, die sich aus Standardklassen wie Stärke, Charisma und Konstitution zusammensetzen, das Interessanteste sind jedoch die Vorteilspunkte: Die Möglichkeit diese zu verteilen besteht erst, wenn man eine Fertigkeit hoch genug gelevelt hat. Beispielsweise kann der Vorteil „Bewegung“ erst gekauft werden, sobald man die Fertigkeit „Schwere Waffen auf Stufe 2 gebracht hat.

Wie immer bleibt der Kern eines RPGs neben den Dialogen das Kampfsystem: Wie auch in den Vorgänger liegt der Schwerpunkt auf einem Mix aus Strategie- und Rollenspielelementen, wobei in der Party nun allerdings immer alle ziehen dürfen, anstatt nur strikt einem Mitglied nach dem anderen individuell seine Aktion ausführen zu lassen. Selbiges gilt auch für die Gegner, wodurch das Kampfgeschehen jetzt viel mehr Geschwindigkeit aufnimmt und zusätzlich eine größere Chance auf Kombo-Angriffe bietet.

Man muss Angriffen und Bewegungen über das Raster-Schlachtfeld natürlich genau planen, denn alles kostet eine gewisse Anzahl Aktionspunkte (AP): Hier wird sich dem Spieler oft die Frage stellen, ob er den Kontrahenten nochmals direkt attackiert, einen gefallenen Mitstreiter wiederbelebt oder doch lieber hinter die nächste Deckung läuft. Mitunter stehen auch Spezialangriffe zur Verfügung, wie ein Streufeuer bei einem schweren MG oder ein präzises Zielen auf ein bestimmtes Körperteil mit den Sniper – etwas, das wiederum stark an Fallout erinnert.

Falls der Spieler mit einer Figur zu seiner Zufriedenheit gezogen hat, aber möglicherweise noch AP übrig hat, stehen ihm noch drei Abschlussaktionen zur Verfügung: „Vorbereiten“ ermöglicht es die restlichen AP in die nächste Runde mitzunehmen, „Verteidigen“ schützt ein wenig vor den kommenden gegnerischen Angriffen und „Hinterhalt“ lässt die Figur für 6 AP sogar automatisch während des Gegnerzugs angreifen.

InXile hat sich im neusten Teil noch dazu entschlossen, auch Rüstung nebst Waffen mit Mods ausstatten zu können, sowie Ruhm- und Beliebtheitsgradsysteme für unterschiedliche Fraktionen einzuführen, die inzwischen bei jedem modernem RPGs zum guten Ton gehören – ein unlängst veröffentlichtes Beispiel wäre The Outer Worlds. Auch der Unterpunkt bei der Charaktererstellung namens „Macke“, bei dem man sich im Austausch für einem Malus anderweitige Vorteile tauschen kann, ruft die „Phobien“ aus dem Titel von Obsidian in Erinnerung. Etwas, das allerdings nicht von dort kopiert ist, ist der 2 Spieler Couch Co-Op Modus, mit dem man die Story von Anfang bis zum Ende mit einem Freund durchspielen kann.

Fazit

Auf dem Papier klingt Wasteland 3 wie ein RPG-Traum, doch die Umsetzung lässt leider zu wünschen übrig: Durch Bugs und Glitches holpert und stolpert es an allen Ecken und Enden, auch die seit 2016 verbesserte Grafik ist leider eher frühes PlayStation 3-Niveau und wirkt nicht wie ein Titel, der am Ende der Generation von PS4/Xbox One erscheinen sollte. Alle anderen Aspekte – motivierende Story, unterhaltsame NPCs, solides Kampfsystem, cleveres Leveldesign, unglaubliche Detailverliebtheit – machen auf jeden Fall Laune und sind eine riesige Verbesserung gegenüber Wasteland 2, nur die permanenten Spielefehler nerven eben. Entwichler inXile und Brian Fargo versprechen, möglichst viele davon in einem Patch zu fixen, und wir wollen ihnen in diesem Fall mal einen Vertrauensvorschuss gewähren – da Bethesda schließlich die Fallout IP so glorreich gegen die Wand gefahren hat, wird Wasteland 3 sicherlich bei vielen aufs Herzlichste willkommen geheißen werden, mit ein paar Bugs oder später ohne solche.

Positiv:

+ tolles Kampfsystem, in der auch der Truck einbezogen wird

+ Story motiviert zum Erkunden

+ versucht mit Witz die RPG-Klischees zu umsegeln

+ viel Detailreichtum in Level- und Spieldesign

Negativ:

– ein Fest aus Bugs und Glitches (die sehr bald behoben werden sollen)

– kopiert ein wenig zu sehr aktuelle Genre-Trends

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger