Surprise Mechanics – Wie die Spieleindustrie heute Millionen macht und dabei auf die Schwächsten abzielt

Vor Kurzem ist bekanntgegeben worden, dass Lootbox-Mechaniken im Vereinigten Königreich nicht durch Dritte überwacht und reguliert werden würden, mit der Begründung, dass kein monetärer Wert hinter den Inhalten der Lootbox stünde. Dieses Urteil geht eine Anhörung letzen Juni voraus, in der Repräsentanten von EA sich zu dem Thema vor dem britischen Parlament verantworten mussten – und Lootboxen prompt den Titel „Surprise Mechanics“ verliehen.

Ihre Argumentation dahinter beschreibt, dass Leute schon immer Überraschungen liebten und dies ein wichtiger Bestandteil von Spielzeug sei. Daraufhin wird ein Vergleich mit Kinder Überraschungseiern gezogen und nochmals unterstrichen, dass es sich bei Lootboxen und „Fifa Packs“ unter keinen Umstände um Glücksspiel handle. Das Ziel hinter dieser mehr als löchrigen Verteidigung ist klar: Wir stehen nicht für süchtig machende Glücksspielmechaniken, sondern bieten nur lustige Überraschungen.

Kein Glückspiel, sondern eine „Surprise Mechanic“!

Als Gegenargument könnte man hier vielleicht den Fall von Thomas Carter anführen, der vor seinen Kindern eines dieser „Fifa Packs“ – quasi eine Lootbox mit Fussballspielern – gekauft hatte, worauf die Kinder im Anschluß das gesamte Bankkonto mit In Game Einkäufen für Fifa leerräumten. Die Eltern erkannten erst, was geschehen war, nachdem die Kreditkarte anderswo abgelehnt wurde. Die Kinder, die alle unter 10 Jahren alt sind, zeigten sich verständlicherweise reumütig und der Familie Carter wurde das Geld durch Nintendo (der Kauf lief über eine Switch) ersetzt, doch Electronic Arts gab hierzu keine Kommentar ab, sondern veröffentlichte nur eine Art von Richtlinien, wie man auf verschiedenen Plattformen die Möglichkeit Geld auszugeben einschränkt.

Thomas Carter’s Bankauszug unter Einfluß der „Surprise Mechanics“.

Carter’s Statement nach den Ereignissen lautet folgendermaßen: „Man zahlt 40 Pfund für das Hauptspiel, was bereits eine Menge Geld für sich bedeutet, aber die einzige Möglichkeit, eine großartige Mannschaft zu bilden, ist im Wesentlichen ein zahlungspflichtiges Glücksspiel.“ Ein ähnliches Beispiel handelt von einer anonymen Person, die über ihren Bruder erzählt, welcher seit seiner Volljährigkeit süchtig nach Glücksspielen ist, und sich damit finanziell ruiniert. Erst als sie sich gemeinsam mehr Videospielen zuwenden, verliert er das Interesse an Casinos und Pferdewetten. Doch nach einiger Zeit gerät sein Verhalten wieder außer Kontrolle, da er nun den Großteil seines Gehalts für „Fifa Packs“ ausgibt.

https://www.youtube.com/watch?v=7S-DGTBZU14

Um noch ein weiteres Beispiel zu bringen, das nichts mit Fifa zu tun hat, sondern von einem Wimmelbildsimulator Hidden Artifacts handelt, soll hier der Fall eines 22 Jährigen mit frühkindlicher Hirnschädigung, Epilepsie, Autismus und Lernschwierigkeiten genannt werden. Aufgrund seiner Behinderung ist das iPad einer seiner wenigen Möglichkeiten zur Unterhaltung, auf dem er einfach Spiele spielt. Hidden Artifacts verrechnete ihm von 18. Februar bis 30. Mai 2019 eine Summe von 3160 Pfund. Seine Mutter versuchte mehrmals den Entwickler Blastworks wegen einer möglichen Rückzahlung der Ersparnisse ihres Sohne zu kontakieren, jedoch ohne Erfolg.

Can you give us your life savings?

Das sind nur drei der unzähligen Vorkommnisse, die sich Jahr um Jahr häufen. Um zu der Anhörung letztens Monats zurückzukehren: Als EA schließlich seine fadenscheinige Aussagen gemacht hatte, wurden sie gefragt, ob diese „Surprise Mechanics“ ethisch, moralisch vertretbar sind. EA’s Antwort war, dass das Unternehmen absolut keine ethischen Bedenken hätte und die ganze Sache keineswegs unethisch wäre.

Wenn EA und ein Großteil der Videospielindustrie hinter den Kulissen von sogeannenten ‚whales‘ spricht, Menschen, die immer wieder eine große Summe Geld für ihre Software als In Game Purchase ausgeben und dabei auch Minderjährige, Glücksspielsüchtige und geistig beeinträchtigte Menschen um ihr Geld bringt, und wenn viele App-Entwickler an noch zwielichtigere Methoden arbeiten, um noch mehr Menschen dazu zu bringen auf den Kaufen-Button zu drücken, sollte die Antwort – eine wirklich ehrliche Antwort – nicht genau gegenteilig lauten?

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger