Shenmue III Review – Eine rostige Zeitkapsel aus dem Jahre 2000

Bevor wir mit dem Review beginnen, reisen wir doch kurz zurück in das Jahr 1999: Die Dreamcast, Sega’s letzter Versuch im Konsolengeschäft, liegt bereits im Sterben. Obwohl sie als Konsole gesehen überhaupt nicht schlecht ist und auch ein gute Spielebibliothek bietet, hat sie keine Chance gegen die anrollende Übermacht der PlayStation 2. Yu Suzuki, der damalige Goldjunge bei Sega, der sich für Hits wie Space Harrier und Virtua Fighter verantwortlich zeichnet, plant indessen ein Megaprojekt, das unterm Strich umgerechnet 100 Millionen Dollar kosten wird – die teuerste Spielentwicklung seiner Zeit. Shenmue zeichnet sich durch realistische Umgebungen und detailgetreue Nachbildungen aus, zum Beispiel werden die Wetterverhältnisse exakt den realen Zeitpunkten in unserer Welt nachsimuliert. Ein zweiter Teil erscheint zwei Jahre später und bessert die Mankos des Prequels aus, bietet zeitgleich mit Hongkong eine noch größere Spielewelt. Doch Sega ist bereits am absteigenden Ast, so erscheint der Titel aufgrund eines Deals auch auf Microsofts Konkurrenzkonsole, der Xbox. Weitere geplante Teile wollte Sega dann nicht mehr finanzieren. Seitdem sind über 18 Jahre vergangen und nun konnte Yu Suzuki über Kickstarter (und etliche andere Geldgeber) doch noch seinen Plan für ein Shenmue III verwirklichen. Was könnte da noch schief gehen?

Eine Odysee durch die verschiedensten Gebiete Asien

Ryo Hazuki will den Tod seines Vaters rächen! Seit Lan Di, Kopf einer kriminellen Organisation, seinen Papa zu Beginn des ersten Teils umbrachte und dabei auch gleich den mythischen Drachenspiegel mitgehen lies, bedeutet das für Ryo die Suche nach dem Mörder auf der ganzen Welt. Diese führt ihn über seine kleine Heimatstadt und den dortigen Hafen (in dem Ryo bereits fleißig mit dem Gebelstapler rumkurvt) im ersten Teil über das unübersichtliche Hongkong des zweiten Teils bis in die Bergregionen Chinas. Und genau hier setzt Shenmue III an – völlig nahtlos stehen Ryo und seine Bekannte Shenhua in derselben Höhle, in der sie standen bevor der Abspann von Shenmue II über den Bildschirm rollte.

Grafisch natürlich ein wenig aufgebessert.

Wer nun erwartet, die Story würde durch die Entdeckung in der Höhle an Fahrt aufnehmen, liegt falsch. Stattdessen untersucht Ryo danach eine Einbruchserie in dem nahegelegenen Dorf Bailu. Eingefleischte Fans werden hier sofort die alten Muster der beiden Vorgänger erkennen: Man sucht eine bestimmte Person, fragt einen Dorfbewohner, wo diese sein könnte, bis schließlich wirklich jemand eine passende Info hat – bespielsweise Person A befindet sich an Punkt B! Nun muss man herausfinden, wo Punkt B ist. Dazu fragt man so lange Dorfbewohner, bis jemand die passende Info hat. Sobald man Person A gefunden hat, erzählt sie, dass Person C nützliche Hinweise hat. Wo die ist? Tja, das wird wohl niemand anderer wissen als einer der Dorfbewohner.

Dieses Szenario – mal tausend!

Das Storypacing bewegt sich stets nur knapp über null; zudem muss Ryo abends immer schlafen gehen, wenn es dunkel wird und sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg ins Dorf machen. Glücklicherweise werden Abkürzungen im Schnellmenü angeboten, die einen sofort an einen gewünschten Ort teleportieren oder die Uhr auf die richtige Zeit vordrehen, damit man gesuchte Person auch wirklich zuhause antreffen kann. Doch die meiste Zeit ist das Aufspüren von Personen sehr langwierig und der Spieler wird für die verschwendete Zeit nur durch die schön animierte Umgebung entschädigt.

Bailu ist sehr naturbelassen.

Ryo Hazuki – Martial Arts Fighter und Gabelstaplerfahrer aus Leidenschaft

Natürlich besteht das Spiel nicht nur aus Rumfragen und Rumlaufen, es werden auch diverse Minispiele angeboten. Shenmue III besitzt fast alle der Glücksspiele aus den ersten zwei Teilen und dann noch viele mehr. Fans werden unverzüglich das Würfelspiel „Roll it on Top“ oder „Lucky Hit“ wiedererkennen – bei zweiterem wird ein kleiner Ball in eine Tafel mit Nadeln geworfen, der mit Glück auf dem gewünschten Feld landet.

Lucky Hit kann mangelndes Gameplay leider nicht ersetzen.

Leider besitzt keines dieser Ablenkungen über einen spielerischen Mehrwert und in diesselbe Kategorie reihen sich auch die neuen Minispiele ein. Das witzige aussehende Schildkrötenrennen entpuppt sich als pures Button-Mashing, das Roulette mit den vier Farben (Flower, Bird, Wind and Moon) ist ein pures Glückspiel und auch Einheiten an den Trainingsgeräten erfordern nur das gezielte Drücken des Aktionsknopfs.

Der Pferdestand liefert niemandem eine Herausforderung.

Ryo muss sich während seines Abenteuers klarerweise auch Geld verdienen, denn ohne Essen geht ihm die Gesundheit aus und dann kann er nicht mehr laufen. Der genaue Grund wieso Ryo genau eine Leiste besitzt, die für Gesundheit und Ausdauer gleichzeitig steht, muss wohl eher fragwürdig ausfallen. So kann Ryo durch die Gegend rennen, in einen Kampf verwickelt werden und verliert diesen logischerweise, weil er über absolut keine Gesundheit mehr verfügt. Also: immer Lebensmittel parat haben! Und wie kriegt man das Geld dafür? Mit weiteren Minispielen natürlich!

Ryo denkt, es wäre vorteilhaft sich mit der Axt im Kreis zu drehen.

Man kann zwar im späteren Spieleverlauf auch wieder einen Gabelstapler steuern, zuvor ist Holzhacken aber die Haupteinnahmequelle. Sollte nicht so schwer sein, doch Ryo dreht sich während des Hackens aus unerfindlichen Gründen immer von links nach rechts und dann wieder zurück. Das soll dem Minispiel ein wenig mehr Pepp geben, wirkt aber nur unfreiwillig komisch und ändert rein gar nichts an der Behäbigkeit des Spiels. Aufgebrochen wird die Monotonie von Shenmue III nur durch die sporadischen Kämpfe, die als einziges Element ein wenig Action in die Sache bringen.

Ein wenig Action gegen den Mönch „Schwarzer Tiger“!

Auch wenn sich an dem Gameplay für die Auseinandersetzungen im Prinzip nichts geändert, funktionieren diese noch gut – doch die Sache hat einen Haken. Ein Skillsystem sorgt dafür, dass Ryo dem Gegner weit überlegen sein kann, deshalb muss er regelmäßig Sparring betreiben und leider auch an die fürchterlich öden Trainingsgeräte.

„Zurück in den Pferdestand, Schwächling!“

Ebenfalls eine Rückkehr als Element des Spiels feiert der „Erkundungsmodus“ – dieser kann überall in der Spielewelt eingesetzt werden, um nach Gewächsen und Kräutern im Gras zu suchen, wird aber speziell an missionsgebundenen Orten unerlässlich. Ein verwüstetes Haus will erkundet werden, nur mit den dort gefundenen Hinweisen ist ein Vorankommen möglich. Insgesamt wurden solche „Spürnasensegmente“ allerdings schon von hundert anderen Detektivspielen (z.B. L.A. Noire) aufgegriffen und besser gemacht, bei Shenmue III muss nur die richtige Lade geöffnet werden.

Detektiv zu sein, ist hier nicht besonders schwer…

Fazit

Mit welchem Wort wäre Shenmue III am besten zu beschreiben? Veraltet, sperrig, überholt wären nur drei mögliche Optionen, doch in Wirklichkeit passt eines besser als jedes andere: enttäuschend! Aus irgendeinem Grund schien Yu Suzuki so sehr an seiner patentierten Shenmue-Formel festzuhalten, dass er dabei übersah, dass mittlerweile fast zwei Jahrzehnte an Innovationen in der Spielebranche geschehen sind. Wäre der Titel kurz im Anschluss auf Teil 2 erschienen, also irgendwann im Jahr 2003, hätte Shenmue III wahrscheinlich noch positive und nette Kritiken erhalten. Doch inzwischen prangt ein dickes 2019 auf den Kalendern und der dritte Ableger könnte anachronistischer nicht wirken: unterdurchschnittliche Grafik, unglaublich langsames Storypacing, uninspirierte Minispiele und eine Spielemechanik, die schon ab Teil 2 fragwürdig war, ganz zu schweigen – und das kann nicht oft genug betont werden – im Jahr 2019. Grundsätzlich können Fans der Reihe durchaus Spaß mit Shenmue III haben, doch auch sie werden keinen Abschluß um die Geschichte von Ryo Hazuki erleben, denn Entwickler Yu Suzuki spekuliert(e) auf einen weiteren Teil für Shenmue, der nach dem Reinfall des aktuellen Titels sicher nicht passieren wird. Es ist schade, dass eine Reihe, die um 2000 noch als revolutionär in der Spielebranche galt, nun so sein Ende findet.

Positiv

+ detaillierte und lebendige Spielewelt

+ ist seinen beiden Vorgängern spieletechnisch treu geblieben…

Negativ

– …dafür keinerlei echte Innovation

– Gameplay mehr als nur angestaubt und völlig repetetiv

– Grafik wirkt wie von der vorletzten Konsolengeneration

– schwachsinnige, unzusammenhängende Dialoge

– langweilige Minispiele zusätzlich zu den bereits bekannten

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger