Shenmue I & II Remastered Review – Wie schlägt sich der Klassiker in der gegenwärtigen Zeit?

Kurz vor dem Untergang Sega´s im Jahre 2001 gab der Konzern nochmal alles um nicht aus dem Konsolenmarkt geworfen zu werden: Zwei Spiele wurde unter der Leitung von Yu Suzuki, einem der wichtigsten Entwickler aus dem eigenen Hause, mit einem (für damaligen Zeiten) unglaublich hohen Budget ausgestattet um aus ihnen absolute Must-have Titel für die Dreamcast zu machen. Shenmue und sein Sequel wurden zwar beide veröffentlicht, doch sie kamen viel zu spät – Sega hatte sich durch katastrophale Fehlentscheidungen lange zuvor sein eigenes Grab geschaufelt; heute bringt das Unternehmen seine alten 16 bit Klassiker in Anthologien raus und ab und zu neue Sonic-Titel in die Läden, die meist wenig Erfolg haben.

Nach nunmehr 18 Jahren erhalten Shenmue und Shenmue II eine Überarbeitung für PS4 und PC und der dritte Teil ist bereits am Horizont zu erkennen. Also höchste Zeit einen genaueren Blick auf die beiden Titel im Vergleich zu damals zu werfen.

 

Shenmue

Der Anstoss für die lange Reise von Ryo, die bis heute noch nicht beendet ist.

Der erste Teil beginnt mit dem Mord an Ryo Hazukis Vater durch Lan Di und fortan wird der Spieler dazu angetrieben in der angrenzenden Stadt Dobuita und im Hafen nach Informationen zu den finsteren Leuten zu finden. Dabei helfen einem einfache Passanten, die alle einen eigenen Dialog besitzen und vorgefertigen Routen durch das Gebiet folgen. Ein Mann weist uns freundlicherweise zu dem nächsten Laden, wo der Besitzer mehr über Mad Angels  (eine Gangsterbande) erzählen kann. Doch leider hat der Markt schon geschlossen und man muss nun über einen ganzen Tag warten, bis dieser wieder öffnet. Und hier liegt auch schon einer der Hauptprobleme von Shenmue: Ständig wird das Spiel durch Phasen unterbrochen, in denen man kaum etwas tut außer zu warten. Natürlich kann man in die Spielehalle gehen, Sparring betreiben oder kleine Figuren sammeln, die aus andere Sega-Spielen stammen, doch auch all das wird schnell langweilig.

Sonic hat einen Gastauftritt… leider nur als Plastikfigur!

Action kommt erst mit den Quick-Time-Events, die so zahlreich in das Spiel implentiert sind, dass viele meinen Shenmue wäre das erste Spiel, welches diese überhaupt jemals verwendet hat. Free Style Kämpfe sind ein weiteres Herzstück des Titels: In typischer Virtua Fighter-Manier verhaut man zahlreiche Gegner mit schönen Kombos, von denen man über den Spielverlauf immer mehr lernt. Gegen Ende von Shenmue muss man gar gegen 70 Mann auf einmal kämpfen, einer der spannendsten Stellen im gesamten Spiel. Was dafür alles andere als spannend ist, sind die Gabelstapler-Aufgaben! Ryo nimmt einen Job am Hafen an und muss mindestens fünf Tage repetetiven Kistentransport übernehmen (sollte man gewisse Sequenzen verpassen sogar noch länger). Alles was storytechnisch an Momentum aufgebaut wurde, wird an dieser Stelle nun wieder stark ausgebremst.

Das Rennen gegen andere Gabelstapler ist traurigerweise das Highlight des Arbeitstages. Danach kommt ewig langes Kistentransportieren.

 

Shenmue II

Hongkong ist der Schauplatz im zweiten Teil: Die Strassen sind breiter und durch mehr NPCs bevölkert.

Frisch vom Boot landet Ryo auf der Suche nach den Mördern in Honkong. Die Stadt ist wesentlich größer als der verschlafene Ort aus dem ersten Teil: An jeder Straßenecke wird Armdrücken gegen Muskelmänner, Karten- und Würfelglücksspiel und Teilzeitjobs angeboten. Zusätzlich zu Minispielen wie Darts, einem kuriosen Entenrennen und Slotmachines in Casinos bietet Shenmue II auch eine absolute Klassiker von Sega in Automatenform an: Space Harrier, Afterburner II, OutRun und Hang On sind neben anderen QTE-Minispielen komplett spielbar. Die Bandbreite an Nebenbeschäftigungen hat sich im Vergleich zu Shenmue vervierfacht.

Ein Sega-Charakter spielt ein Sega-Spiel… Zumindest hat Sega das Konzept von Eigenwerbung verstanden!

Die Liebe zum Detail wurde aus dem Prequel übernommen und auf belebte und volle Straßen angewandt. Fussgänger haben immer noch einiges zu sagen, ein Grossteil der Häuser sind betretbar und ein Mix an neuen, interessanten Charakteren unterstützt den Protagonisten bei seinen Abenteuern. Das Story-Pacing geht in Shenmue II wesentlich schneller voran und auch die lästigen Öffnungszeiten der Geschäfte ist grossteils abgeschaft worden, es gibt Stadtkarten zur Orientierung zu kaufen und auch das Kampfsystem zeigt jetzt eine HP-Leiste für die Gegner an, damit man seine Situation besser einschätzen kann. Zudem können Kicks, Schläge, Griffe, Sammelobjekte und der eigene Geldbetrag (Yen werden in Honkong Dollar gewechselt) aus Shenmue übernommen um eine nahtloses Spielegefühle zu liefern. Insgesamt baut der zweite Teil auf all dem auf, was der erste Teil bereits gut gemacht hat und revidiert dafür die negativen Aspekte des Vorgängers.

Rechts erscheint nun auch eine HP-Leiste für feindliche Kämpfer.

 

Fazit

Wären Shenmue und Shenmue II erst heute veröffentlicht worden und nicht um 2000 würden sie als Walking Simulator bezeichnet werden: Kunstvolle Spiele wie Firewatch in denen die Hauptaufgabe darin besteht von Punkt A nach Punkt B zu gehen und sich dabei eine Geschichte erzählen zu lassen. Doch eigentlich sind die beiden Teile viel mehr als das: Der unglaubliche Detailreichtum, der im Sandbox-Genre bis heute unübertroffen ist, das noch immer solide Kampfsystem und die vielen Möglichkeiten zur Beschäftigung abseits der Hauptstory laden auch heute noch dazu ein einfach in die virtuelle Welt einzutauchen.

Shenmue II ist sehr gut gealtert, was man von dem Prequel nicht unbedingt sagen kann. In Shenmue wird man einfach zu oft dazu gezwungen zu warten bis ein gewisses Ziel oder Person erreichbar ist; außerdem ist das Gabelstaplerfahren gegen Ende nur etwas für Leute, die sich nichts Schöneres als Gabelstapler vorstellen können. Und für Masochisten. Shenmue II hingegen macht solche lästigen Aufgaben rein optional und überzeugt mit einem wesentlich ausgereifterem Spielegefühl. Hier sind bereits die ersten Spuren der Yakuza-Reihe erkennbar, der als geistiger Nachfolger im Open World-Genre angesehen werden kann.

Positiv

+ ausgereiftes Kampfsystem noch immer gut spielbar

+ Welt bis ins kleinste Detail durchgeplant

+ Interessante Story mit facettenreichen Charakteren

+ mehrere Sega-Klassiker als Minispiel komplett durchspielbar

Negativ

– krampfhaft lange Wartezeiten bis zur Missionserfüllung [Shenmue]

– Story nimmt nur sehr langsam Fahrt auf

– Gabelstaplerfahren

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger