Fast neun Jahre ist es her, dass Mafia III erschien und als Open World Spiel sich damit spielerisch von den beiden Vorgängern entfernte. Mit Mafia: The Old Country kehrt Hangar 13 zurück zum linearen, spielbaren Film und wir sind natürlich Teil von La Famiglia geworden und haben die PC Version für euch unter die Lupe genommen. Neben dieser Version gibt es auch Portierungen für PS5 und Xbox Series X|S.
Enzo, der Minenjunge
Im Spiel schlüpfen wir in die Rolle von Enzo Favara, der seit seiner Kindheit in Schwefelminen auf Sizilien arbeiten musste. Der Plan zu flüchten schwelte also schon lange in ihm und seinem Freund. Im Prolog im Jahr 1904 (also vor den Geschehnissen des ersten Mafia Teils) dürfen wir diesen Plan in die Tat umsetzen. Dadurch erlernen wir ganz nebenbei die Steuerung und Schleichmechanik des Spiels. Da wir euch nicht spoilern wollen, sei nur gesagt, dass Enzos Plan nicht gerade erfolgreich ist und er sich zu allem Überfluss auch noch mit dem Aufseher der Mine duelliert. Es gelingt ihm zwar ihn zu verletzen, aber schlussendlich flüchtet er angeschlagen auf einem Pferd.

Da die Mine der Mafiafamilie der Spadaros gehört, wird Enzo aufgrund dieser Ehrverletzung verfolgt und kann sich in ein verlassenes Gebäude flüchten. Auch hier wird auf die Stealth Elemente wert gelegt und das seltsamste Feature des Spiels kommt zum tragen. Der Protagonist kann seinen „Instinkt“ nutzen, der es ihm ermöglicht die Silhouetten seiner Feinde selbst durch Wände zu erkennen. Das ist sehr hilfreich, passt aber leider nicht in ein derart ernsthaftes und bis zu einem gewissen Grad realistischem Spiel. Aus unserer Sicht hätte man dieses Feature auch weglassen können, um das Aufeinandertreffen mit Gegnern spannender zu gestalten.

Don Torrisi und seine Handlanger

Enzo überlebt sein Aufeinandertreffen mit seinen Häschern nur knapp. Zu seinem Glück retten ihn Luca von der Torrisi Mafiafamilie. Die Torrisis sehen ihre Rivalen nur ungern auf ihrem Grund und so kommt Enzo unter die Fittiche der Torrisis und darf sich zunächst als Arbeiter am Weinberg sein Geld verdienen. In den weiteren Missionen wird er dann langsam in die weniger legalen Machenschaften von Don Torrisi eingeweiht und entwickelt eine Freundschaft zu seinem Mentor Luca und Cesare, dem Neffen von Don Torrisi. Und was darf bei einer guten Mafiageschichte nicht fehlen? Natürlich eine geheime Lovestory, die durch Isabella, die Tochter des Dons, ins Rollen kommt.

Als Spieler seid ihr dabei aber starr an die Missionsabfolge des Spiels gebunden. Nach dem Prolog gibt es zwar einen Freeroam Modus, der euch aber nur ein paar Collectibles sammeln und Ausrüstung kaufen lässt. Das ist aber zu keinem Zeitpunkt wirklich notwendig, da ihr erledigten Gegnern auch die Waffen abnehmen könnt. Der Fokus liegt also definitiv auf den Missionen. Und die sind durchaus abwechslungsreich. Von reinen Begleitmissionen wie dem Einholen von Schutzzahlungen, einem Pferderennen und den Schleich-/Kampfabschnitten sowie den vielen Zwischensequenzen gibt es grundsätzlich keinen Grund sich über mangelnde Abwechslung zu beschweren. Noch dazu sieht das Ganze, bis auf ein paar wenige Animationen sehr gut aus. Die hügelige Landschaft Siziliens macht in Realität einiges her und das wurde im Spiel wunderbar eingefangen. Wenn man durch die Gegend reitet oder fährt, drängt sich einem unweigerlich der Wunsch nach einem klassischen Open World Spiel auf, aber das würde dem filmischen Aspekt des Spiels im Weg stehen. Aber dieses Opfer ist die Story von Enzo und den zwei verfeindeten Clans definitiv wert.

Mafiosi und Polizei sind leider nicht die Hellsten

Auch spielerisch kann man sich bei Mafia: The Old Country nicht wirklich beschweren, obwohl die Schießereien grundsätzlich nur aus Deckung, Schießen, Deckung, Schießen usw. besteht. Wer etwas näher an den Gegnern dran sein möchte, der wählt eine der Schrotflinten und wer eher Distanz wahren möchte bleibt bei normalen Gewehren. Zudem gibt es mit dem Rosenkranz und seinen austauschbaren Perlen, die verschiedene passive Fähigkeiten verleihen, eine kleine Charakterentwicklung/-anpassbarkeit. Ansonsten wurden aber keine Experimente gewagt. Daher darf sich der geneigte Spieler definitiv kein Actionfeuerwerk bei den Schusswechseln erwarten. Das liegt unter anderem auch an der Gegner KI, die sich eher dümmlich gestaltet, egal ob es sich um Polizei oder Mafia handelt. Das fällt insbesondere auch in Stealth Abschnitten auf, bei denen die Gegner mittels Münz- oder Flaschenwurf zielgerichtet gelenkt werden können. Das ermöglicht dann Stealthkills, die mittels einem Mash-Minispiel durchgeführt werden, dessen man auch schnell müde wird. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt, der sich auftut ist, dass die Gegner ganz offensichtlich triggergesteuert sind, da Dialoge, Bewegungen etc. durch die Annäherung von Enzo ausgelöst werden. Es ist klar, dass es Auslöser geben muss, aber man kann diese besser verkaufen. Zudem hatten wir das ein oder andere Mal Bugs, bei denen sich Allierte und auch Gegner ebenso offensichtlich nicht wie gewünscht bewegt haben, indem sie entweder ziellos hin und her traben oder zur Salzsäule erstarren. Ein Reload löste diese Probleme aber schnell.

Die Vertonung des Spiels ist dagegen ein echter Gewinn für die Atmosphäre. Der italienische Akzent der englischen Sprecher oder die original sizilianische Vertonung sind beide hervorragend. Da in einer Umgebung mit Gangstern auch reichlich geflucht wird, wurden im Englischen die italienischen Redewendungen beibehalten. Wer italienisch Flüche und Floskeln lernen will, kann sich hier also gepflegt weiterbilden. Doch zurück zu den ernsten Themen: Die Story, die sich als Drama langsam entwickelt, profitiert nicht nur vom guten Job der Sprecher. Auch das allgemeine Pacing verdient ein ausgesprochenes Lob. Selbst die rein narrativen Missionsbestandteile in denen man z.B. Enzos Aufnahme in die Bruderschaft feiert und dann betrunken die Kollegen herumkutschieren darf, dienen dem Aufbau von Atmosphäre und der Charakterisierung der handelnden Figuren. Untermalt wird das Ganze von einem Soundtrack, der genausogut in einem Kinofilm funktioniert hätte. Da hat Hangar 13 komplett ins Schwarze getroffen.

Kleinere Blutflecken in der sonst reinen Weste

Auch die Soundeffekte sind allesamt sehr stimmig, egal ob es sich um Waffen, Autos oder sonstige Geräusche handelt. Authentizität war laut Dev Diaries der Entwickler ein Hauptaugenmerk, das man als Spieler auch bemerkt. In Sachen Framerate Stabilität kann man das leider momentan noch nicht sagen. Insbesondere beim Wechsel von der spielbaren 3rd Person Sicht in Zwischensequenzen in der Ingame Grafik und zurück stockt Mafia: The Old Country sehr gerne. Im Zuge unserer etwa 12h langen Story Spielzeit ist uns zudem mehrfach das Spiel am PC abgestürzt. Aufgrund des Checkpointsystems ist das grundsätzlich kein großes Problem, aber hier muss Hangar 13 auf jeden Fall noch nachbessern.

Auf der Gameplayseite fanden wir vor allem den Freeroam Modus etwas fad. Man kann dort zwar Collectibles sammeln (die sogar auf der Karte markiert sind), aber diese bringen außer ein wenig Atmosphäre (Fotografien/Zeitungen) und ingame Geld nicht wirklich einen Mehrwert. Ein paar Zusatzmissionen, die abseits der Story passieren, wären eine willkommene Dreingabe gewesen. Manche dieser Collectibles sind zudem nur in Missionen zu sammeln und eine reine Fleißarbeit. Bei den Fuchstatuen können wir euch ehrlicherweise nicht sagen, ob es eine Belohnung gibt alle 50 zu finden. Wir haben es in der Testzeit nicht geschafft. Durch die linearen Missionen hält sich damit der Wiederspielwert außer für die Komplettionisten unter euch in Grenzen. Für den Preis von 50€ für die Standardedition sind die etwa 12h bester Mafiaunterhaltung aber durchaus fair.
Fazit
Und damit kommen wir zu unserem abschließenden Urteil. Mafia: The Old Country war als spielbarer, linearer Film ausgelegt und diesen Job erledigt es bravourös. Die filmischen Aspekte, wie die Story- bzw. Charakterentwicklung, die englischen und italienischen Sprecher sowie die dadurch erzeugte Atmosphäre sind überzeugend und mitreißend. Die kleineren Gameplay- und momentanen Stabilitätsschwächen dagegen, sind zwar ärgerlich, hinderten uns aber nicht die fesselnde Mafiaaufstiegsstory zu genießen. Einzig der Wiederspielwert nach der Story und der Freeroammodus lassen etwas zu wünschen übrig und trüben den Gesamteindruck. Trotzdem ist die Rückkehr zur Linearität der Mafia Reihe aber definitiv gelungen.
Positiv
- Fesselnde, klassische Mafiastory mit ein paar Querverweisen zu anderen Mafia Titeln für Fans
- Fantastische Sprecher
- Ebenso herausragende musikalische und soundtechnische Untermalung
- Die Unreal Engine zaubert ein hübsches Sizilien auf eure Bildschirme
Negativ
- PC Version mit FPS Einbrüchen und einigen Abstürzen
- Action- und Stealthgameplay ist sehr basic
- Die Gegner KI ist sehr triggergebunden und ansonsten strohdoof
- Der Freeroammodus lässt zwar erkunden, aber die Welt bietet nicht viel zu tun
- Nahezu kein Wiederspielwert nach Abschluss der Story



