Review: Marvel’s Wolverine – Die PS3-Ära lässt grüßen

Wir konnten die letzten Tage mit dem neuen Marvel’s Wolverine verbringen. Was das neue Projekt von Insomniac Games zu bieten hat und ob der Titel mehr als Action und Brutalität liefert, findet ihr wie immer bei uns im Test heraus.

Die Geschichte spielt in der modernen Zeit, in einer Welt, in der Mutanten noch weitgehend unbekannt sind. Sie leben versteckt, sind gefährdet und werden von Menschen verfolgt. Wolverine ist einer der wenigen, die sich für sie einsetzen.

Spazieren wird gern mal mit spannenden Aufgaben, wie dem Aufstellen von Kühlschränken unterbrochen

Logan, besser bekannt als Wolverine, hat selbst eine geheimnisvolle Vergangenheit. Er weiß nicht genau, wer er wirklich ist, wie alt er ist oder warum sein Skelett mit nahezu unzerstörbarem Adamantium überzogen wurde. Vor etwa 30 Jahren fand Nathaniel Essex den verwilderten und schwer verletzten Logan in der Wildnis. Essex half ihm dabei, seinen Verstand wiederzuerlangen – allerdings gingen dabei große Teile seiner Erinnerungen verloren.

Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt Team X, eine Mutanten-Einsatzgruppe, die Nathaniel Essex vor rund 35 Jahren gründete. Essex wollte damit Mutanten Hoffnung geben und ihnen eine Zukunft ermöglichen, in der sie sich irgendwann offen der Welt zeigen können. Dieser Traum scheiterte jedoch weitgehend. Die Missionen von Team X wurden zunehmend gefährlicher und von den ursprünglich beteiligten Mutanten sind inzwischen nur noch vier übrig.

Drei Jahre nachdem Logan Team X verlassen hat, kehrt er ausgerechnet in dessen dunkelster Stunde zur Mutanten-Einsatzgruppe zurück. Dabei wird schnell deutlich, dass nicht nur die äußere Bedrohung für die Mutanten immer größer wird, sondern auch Wolverines eigene Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Zwischen den aktuellen Ereignissen und seinen verlorenen Erinnerungen werden immer wieder Verbindungen hergestellt, die Logan dazu zwingen, sich mit seiner eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Der Hauptgegner ist Bolivar Trask, der von der Überlegenheit der Menschen überzeugt ist. Er lässt Mutanten entführen und verfolgt dabei eigene Pläne, die eine massive Gefahr für die gesamte Mutantenbevölkerung darstellen. Wolverine muss deshalb gemeinsam mit anderen Mutanten gegen Trask und seine Truppen kämpfen.

Zumindest sind diverse Audio Logs etwas besser als die meisten sammelbaren Gegenstände versteckt

Logan auf Weltreise

Die Reise führt Logan dabei an verschiedene Orte auf der ganzen Welt, darunter die kanadische Wildnis, Japan beziehungsweise Tokio und Madripoor. Gleichzeitig ist Wolverine ständig zwischen zwei Fronten gefangen: Einerseits muss er andere Mutanten retten und Trasks Pläne verhindern, andererseits versucht er, die eigenen Erinnerungen und die Wahrheit über seine Vergangenheit wieder zusammenzusetzen.

Die Geschichte setzt damit grundsätzlich auf interessante Themen wie Identität, Loyalität, Verlust und die Suche nach der Wahrheit. Gerade Wolverines Vergangenheit bietet eigentlich genug Material für eine spannende Charaktergeschichte. Leider gelingt es dem Spiel nur selten, dieses Potenzial wirklich auszuschöpfen.

Über seine Jagdhütte, die gleichzeitig als Hub dient, sowie verschiedene Herausforderungen und versteckte Andenken versucht man zwar zusätzliche Hintergrundinformationen über Logan zu vermitteln, aber wirklich viel Tiefe kommt dabei nicht auf. Auch im Zusammenspiel mit den zahlreichen anderen Mutanten, die teilweise nur sehr kurze Auftritte erhalten, erfahren wir erstaunlich wenig über Wolverines Persönlichkeit.

Gerade bei einem Charakter wie Wolverine wäre hier deutlich mehr möglich gewesen. Es gibt bereits zahlreiche gelungene filmische Interpretationen des Charakters, gleichzeitig hätte man sich noch stärker an der enormen Vielfalt der Comics bedienen können. Wolverine lässt sich naturgemäß nicht ganz so einfach präsentieren und vermarkten wie beispielsweise Spider-Man. Gerade deshalb hätte die Figur aber eine abwechslungsreichere Geschichte und mehr Charaktertiefe gebraucht. Das X-Men-Universum bietet dafür eigentlich mehr als genug Material.

Zusätzlich macht das merkwürdige Pacing der Geschichte vieles noch schwieriger. Sobald ein kurzer interessanter Storypunkt erreicht wird, wird dieser häufig abrupt beendet und man wird direkt zur nächsten Szene oder zum nächsten Schauplatz weitergeschoben. Es gibt kaum Raum für die Charaktere, sich wirklich zu entfalten oder Beziehungen untereinander aufzubauen. Dadurch wirken viele Begegnungen eher wie Zwischenstationen auf dem Weg zum nächsten Kampf, anstatt wie wichtige Bestandteile einer größeren Geschichte.

Vor allem die wechselnden Gegenspieler werden euch immer wieder in Form von Gegnerwellen entgegengeworfen. Was zu Beginn noch für ordentlich Action sorgt, verliert bereits nach wenigen Minuten seinen Reiz – teilweise sogar während der ohnehin sehr langen Kämpfe. Die Krone setzen dem Ganzen die langwierigen Bosskämpfe auf.

Onimusha hatte hier teilweise schon seine Phasen, aber Wolverine toppt oftmals sogar die ewig langen Lebensleisten der Bosse und die sich wiederholenden Kampfabläufe. Der Vergleich mit ähnlichen Genrevertretern aus der PS3-Ära ist hier zumindest sehr berechtigt. Gegnervariationen und Kampfabläufe wiederholen sich trotz der relativ kurzen Spielzeit von maximal 12 bis 15 Stunden viel zu oft.

Der Skillbaum ist nach guten 5-7 Stunden bereits abgeschlossen und bietet leider wenig aufregende Elemente um das Gameplay interessant zu erweitern.

Wenn das Ziel des Studios war, den Charakter vor allem auf seine Brutalität und einen möglichst hohen Gore-Level zu reduzieren, ist das definitiv gelungen. Die Kämpfe liefern mehr als genug Blut und sogar hin und wieder extra Animationen im Zusammenspiel mit euren Partnern. Was dabei allerdings fehlt, sind echte spielerische Entscheidungen. Man vertraut dem Spieler so gut wie nie eine eigene Entscheidung an. Die Geschichte läuft größtenteils sehr linear ab und auch abseits der Kämpfe gibt es nur wenige Momente, in denen man wirklich das Gefühl bekommt, selbst Einfluss auf den Ablauf zu nehmen.

Motorrad Szenen gibt es auch wieder ein paar, die teilweise schon in Final Fantasy 7 für die PlayStation 1 interessanter aufgebaut wurden

Gameplay aus einer längst vergangenen Zeit

Kamera und langwierige Ultimate-Attacken per L2 und R2 erweisen sich bereits in den ersten Stunden als eines der größten Probleme. Im letzten Drittel merkt man zudem sehr deutlich, wie begrenzt die Gegnervariation und auch die verfügbaren Fertigkeiten von Wolverine sind. Bei der massiven Anzahl an Outfits und Klingen, die ihr freischalten könnt, hätte man sich auch etwas mehr Gedanken über die Spezialfähigkeiten für den eigentlichen Kampf machen können. Sei es ein Tornado-Angriff, mit dem mehrere Gegner gleichzeitig erwischt werden, oder ein kleiner Heilprozess – die vorhandenen Attacken nutzen sich extrem schnell ab und werden auch gegen Ende des Spiels nicht wirklich interessanter.

Tokyo als Schauplatz ist ein kleiner kurzer Lichtblick

Nach guten sechs bis sieben Stunden habt ihr eigentlich bereits so gut wie alle Fähigkeiten freigeschaltet. Dadurch gibt es immer weniger Motivation, sich gegen die stetig steigenden Lebensanzeigen der immer gleichen Gegnermassen durchzukämpfen. Gegen Ende will man eigentlich nur noch so schnell wie möglich an allen Gegnern vorbei, um endlich das Ende der Geschichte zu erreichen. Für ein so kurzes und gleichzeitig teures Spiel ist das ein relativ schlechtes Zeichen.

Selbst klassisch gescriptete Passagen, die man aus solchen Blockbuster-Titeln kennt, wirken oftmals nicht vollständig zu Ende gedacht oder gehen nicht ideal ineinander über. Bei einem Spiel, bei dem man sich rund 90 Prozent der Spielzeit an die Hand nehmen lassen muss und mehr als genug solcher Sequenzen „spielen“ darf, wird die Immersion dadurch viel zu oft zerstört.

Im Kampf selbst sind uns zum Glück relativ wenige technische Ungereimtheiten untergekommen. Ein paar Mal ging es durch den Boden ins Nichts, Abstürze gab es während unserer Spielzeit allerdings keine. Auch die Performance überzeugt durchgehend. Der Titel sieht auf der PS5 Pro fantastisch aus und die Framerate wird stabil gehalten.

Selbst beim Zerlegen von unzähligen Gegenspielern bleibt der Kampf – abgesehen von der teilweise nervtötenden Kamera – eigentlich immer übersichtlich. Der wichtigste Aspekt ist hier der Sprungangriff von Wolverine. Gerade bei Stealth-Einlagen aus Bäumen, von denen es im Spiel mehr als genug gibt, oder gegen Gegner, die erhöhte Positionen als Vorteil nutzen, kann dieser für einige nette Kombinationen und Sequenzen sorgen. Diese Momente repräsentieren am besten, wie es sich eigentlich anfühlen sollte, Wolverine zu steuern. Man springt aus erhöhter Position auf einen Gegner, zerlegt ihn mit den Klauen und bewegt sich direkt weiter zum nächsten Ziel. Hier kommt das Spiel seinem eigenen Potenzial tatsächlich am nächsten.

Mit Fanservice hat man sich, abgesehen von den bereits erwähnten Klingenvarianten und Kostümen, etwas zurückgehalten. Dafür überzeugen die einzelnen Schauplätze umso mehr. Zwar nicht unbedingt mit spannenden Gegnern, dafür mit sehenswerten Hintergrundkulissen. Vor allem Tokio ist im Regen sehr sehenswert. Auch wenn generische Rufe wie „Shinigami“ bereits nach kurzer Zeit etwas überstrapaziert werden, schafft es das Spiel zumindest optisch, die unterschiedlichen Schauplätze überzeugend in Szene zu setzen.

Fazit

Marvel’s Wolverine überzeugt mit viel Brutalität und einer optisch gelungenen Darstellung dessen, wie es sich anfühlen muss, Wolverine zu sein. Die Kämpfe sind blutig, die Inszenierung sieht fantastisch aus und gerade die Bewegungen sowie Wolverines Klauen vermitteln an einigen Stellen sehr gut das Gefühl, tatsächlich den berühmten Mutanten zu steuern.

Abseits davon kommt der Titel leider nicht wirklich über generische Kampfeinlagen, sich wiederholende Gegner und eine viel zu sehr in die Länge gezogene Geschichte hinaus. Gerade die eigentlich spannende Ausgangslage rund um Wolverines Vergangenheit, Team X und die Mutanten wird nur teilweise genutzt.

Wer gerne einmal als Wolverine von einer Szene zur nächsten metzeln möchte und dabei vor allem Wert auf brutale Action legt, wird hier bis zu einem gewissen Grad seinen Spaß haben. Wer allerdings eine tiefgründige Wolverine-Story, abwechslungsreiches Gameplay oder eine stärkere Nutzung des X-Men-Universums erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Für alle anderen gilt daher: Lieber noch etwas warten, bis der Titel im Angebot deutlich reduziert zu haben ist.

+ Brutalität und Gore stimmig zum Charakter

+ Actiongeladene Inszenierung mit vielen Zwischensequenzen

– Ermüdendes und repetitives Gameplay

– Story zu generisch und vorhersehbar

– Nebenaktivitäten selten abwechslungsreich

– Unnötig langwierige Bosskämpfe

– „Hand Holding“ erreicht ein neues Level mit Quick-Time-Events ohne Konsequenzen

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Written by: Gabriel Bogdan

Redaktionsleiter/Vernichter von Cornflakes und Vollzeit Gamer

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