Bungie hat nun auch den Schritt in die Welt der Extraction Shooter gewagt und kommt mit jeder Menge Budget, Erfahrung (Halo/Destiny) und der damit verbundenen Erwartungshaltung auf dem aktuell hart umkämpften Markt an. Ob das Experiment geglückt ist und was Fans des Studios und Quereinsteiger erwarten können, findet ihr wie immer bei uns im Test heraus.
Eine Nische in der Nische
Für ein Studio wie Bungie, einen Titel aus 1994 neu auflegen, war ohnehin schon ein sehr gewagter Schritt. Auch wenn viele Fans immer offener für Remakes, Reboots und andere Neuauflagen werden, muss auch eine gewisse Nachfrage danach existieren. Ein paar wenige übriggebliebene Hardcore-Fans des Originals, werden sicherlich mit ein paar bekannten Schauplätzen und Namen zufrieden sein, aber für alle anderen muss der Titel dann doch etwas mehr tun, um jeden mit ins Boot zu holen. Das Spiel spielt auf dem fernen Planeten Tau Ceti IV. Dort gab es früher eine menschliche Kolonie, die plötzlich spurlos verschwunden ist. Über dem Planeten befindet sich außerdem das riesige Raumschiff namens UESC Marathon, das ebenfalls verlassen wirkt. Unterschiedliche Gruppierungen wollen herausfinden, was mit der Kolonie und der Marathon passiert ist und gleichzeitig wertvolle Technologie bergen, ähnlich wie in anderen futuristischen Settings wie beispielsweise Armored Core oder auch Cyberpunk 2077. Hier kommt bereits die größte Enttäuschung für alle Fans des Studios. Durch den stark zerstückelten Aufbau, bedingt durch das Genre und die Entscheidung, Inhalte des Spiels in Seasons aufzuteilen und sogar eine ganze Karte bis Ende März „aufzuheben“ (Cryo Archive Zone), ist es immens schwierig der Geschichte konsequent zu folgen. Je nachdem wie gut eure Runden verlaufen, müsst ihr einige Versuche anstellen, um 2-3 Dialogsequenzen nach Abschluss eines Auftrags der diversen Fraktionen zu erhalten. Die meisten davon beschränken sich auf die Mitteilung, dass man über eure extrahierten Fundstücke sehr glücklich ist und noch eine weitere Aufgabe ansteht.

Die einzelnen Fraktionen sind vom Design her, sowohl was die Optik angeht, als auch die musikalische Untermalung, absolut gelungen und bisher wohl das beste Art Design, was das Studio bisher abgeliefert hat. Leider bekommt ihr nur einmalig pro Fraktion eine kurze, aufwendige Zwischensequenz präsentiert und danach wiederholende Sequenzen, mit ein paar Dialogen. Für das Genre und einen reinen Multiplayer Shooter ausreichend, für ein Studio wie Bungie, etwas wenig. In guten 10-15 Stunden, hat man dann auch eigentlich alle drei spielbaren Karten mehr als genug erkundet und so gut wie alle Fraktionen gut genug von sich überzeugen können, um sich ein Bild von den Geschehnissen im Spiel und der dazugehörigen Welt machen zu können. Es ist natürlich nicht berechtigt, hier dem Studio allzu große Vorwürfe zu machen, weil man ihre bisherigen Projekte gewohnt ist und mehr Singleplayer-Tiefe erwartet hat, aber wenn man sich als Bungie so sehr auf eine Nische wie Extraction Shooter stürzt und diese dann nochmals eingrenzt, weil man alles auf PVP-Erlebnisse setzt, sollte man doch etwas mehr in diesem Bereich abliefern, um vor allem ältere Fans mit an Bord zu bekommen. Der Nervenkitzel, der hier durch die PVP-Elemente entsteht, trägt das Spiel nicht gut genug alleine. Vor allem weil sich für reine PVP Multiplayer Erlebnisse Bungie selbst eigentlich am meisten Konkurrenz macht. Falls man sich nach hitzigen Runden in Ruhe Zeit nehmen will die unzähligen Info Texte und „Lore Dumps“ zu allen Gegenständen und Schauplätzen, bekommt man zumindest in Textform ein wenig mehr zu Welt von Marathon geliefert.

Furchtbare Menüführung und fehlende Tutorials
Marathon tut zusätzlich sein Bestes, um es Spielern so schwierig wie möglich zu machen, ins Spiel hineinzukommen. Das Tutorial beschränkt sich eher darauf, den allgemeinen Spielablauf eines Extraction Shooters zu erklären. Es wird kaum auf die vielen eigenen Symbole innerhalb der Menüführung eingegangen und was den Titel generell besonders macht/abhebt. Es ist auch bemerkenswert, eine auf den PC ausgelegte Menübedienung so schlecht zu gestalten, dass sowohl Konsolenspieler, als auch PC Spieler an ihre Grenzen stoßen. Viele der wichtigen Spielemente sind so schlecht erklärt, dass man ohne extern nachzulesen eher per Zufall auf Features stößt. Beispielsweise eine Kurzauswahl von Items mit Richtungstaste unten oder L2 (PS5) halten, um Elemente aus dem Inventar in DCON Behälter zu ziehen. Solche Abläufe im Tutorial einzubauen, wäre keine all zu große extra Arbeit gewesen und verursacht wie so vieles am Design des Spiels, mehr Kopfschmerzen als Spielspaß.

Wenn man sich nach einigen Stunden mit dem Gameplay Loop als Quereinsteiger vertraut gemacht hat, kann es trotz PVP-Fokus zu kleinen „Arc Raiders-Momenten“ kommen, wo einem ohne Voice Chat die Mitspieler pingen, wie/wo eine Quest zum Absolvieren ist oder wirklich nicht direkt zum feuern anfangen. Diese sind aber eher selten gegeben. Es ist auch interessant, dass das Spiel nicht einmal darauf achtet, dass die Spieler mit denen ihr gematched werdet, ähnliche oder dieselben Aufträge aktiv haben. Dadurch entstehen merkwürdige Runden, wo ihr Sammelaufgaben erledigt wollt und einer euer Mitspieler andere Spieler eliminieren muss. Man kann sich zwar dann irgendwie darauf einigen, welche Aufgaben man gemeinsam als Team löst, aber damit sind schon vom Matchmaking her direkt teaminterne Konflikte vorprogrammiert.
Gameplay und Gunplay überzeugen
Nach all diesen Ungereimtheiten, kommt dann doch ein kleiner Lichtblick, für den das Studio bekannt ist ans Tageslicht. Die Waffen und Klassenauswahl in Marathon ist zwar aktuell etwas überschaubar, aber spielt sich sehr gelungen. Destiny Spieler werden sich hier direkt Zuhause fühlen und viele der Fähigkeiten der einzelnen Klassen wurden ja bereits in Spielen von Bungie ident oder ähnlich eingesetzt. Die Gegner AI ist auch ein wirkliches Highlight im Spiel und auch zwingend notwendig, um die einzelnen Karten nicht als reine PVP Runden, dahinvegetieren zu lassen. Zusammen mit Hindernissen und elementaren Ereignissen, die sich von Karte zu Karte unterscheiden, funktioniert der Gameplay-Mix zumindest an dieser Stelle durchgängig und mit dem Chaos, das durch die vielen anderen Mitspieler entsteht, kann man sich auch als Genre Neuling irgendwann dann doch mit dem Titel anfreunden. Wie viel die einzelnen Runden euch Spaß machen und wie lange ihr da dran bleiben wollt, hängt immens viel von eurer Teamkonstellation und deren Motivation ab. In der Redaktion gab es daher auch Spieler, die dem Ganzen keinen Spaß abgewinnen konnten, da weder der Nervenkitzel alles zu verlieren, noch die intensiven PVP Kämpfe und auch nicht die interessante Optik gepaart mit gutem Gunplay mitreißen konnten.

Die Karten und NPCs liefern einen abwechslungreichen Gameplay Loop, der euch einige Stunden unterhalten kann und ein paar versteckte Aufgaben und Rätsel, bringen noch einen kleinen Twist mit sich. Die Kartenführung selbst und der Aufbau dahinter, könnte dennoch weitaus besser sein. Viele Aufgaben sind zwar als Text recht aussagekräftig beschrieben, erfordern aber dann am Punkt angekommen, doch öfters etwas an Detektivarbeit, bis man wirklich raus hat, was das Spiel genau von euch möchte. Mit dem Stress der vielen NPC Gegner und PVP-Elemente, muss man hier schon ein sehr gutes Team haben, damit man in Ruhe seine Aufgaben fertig bekommt, um mit der Story voran zu schreiten.

Technisch macht der Titel wie bereits erwähnt, bis auf viele sehr seltsame Designentscheidungen alles richtig. Uns ist beim Matchmaking in über 20 Stunden Spielzeit kaum eine Unterbrechung untergekommen und ein einziger Spielabsturz, vor dem Laden der Runde. Wenn man sich mit den merkwürdigen Farbmustern und Menüs angefreundet hat, sieht der Titel sonst fantastisch aus und spielt sich durchgängig solide und flüssig.
Bungie wird hier sicherlich wie bei ihren bisherigen Multiplayer Projekten, mehr als genug neue Inhalte in weiteren Seasons nachliefern. Trotzdem müssen wir den Titel in seiner aktuellen Form bewerten, auch wenn hier in Zukunft noch einiges an Potential vorhanden sein könnte.
Fazit
Marathon ist ein merkwürdiges Experiment, was mit seinem sehr eigenen Artstyle und Fokus auf PVP, nicht unbedingt jeden Fan des Studios abholen wird. Der allgemeine Gameplay Loop liefert alles, was man vom Genre erwarten würde, aber leider bis auf gelungene AI Gegner, nicht wirklich viel mehr. Wer genug von Arc Raiders hat, kann mit etwas Vorsicht einen Blick auf den Titel werfen, mit Hoffnung auf noch mehr Inhalte in den kommenden Seasons. Für den Rest der Spielerschaft ist das aber momentan leider zu wenig.

Positiv
+ Wie gewohnt von Bungie solides Gunplay und fordernde Gegner AI
+ Die Anführer der einzelnen Fraktionen sind imposant in Szene gesetzt
+ Gameplay Loop bietet nach etwas Eingewöhnungszeit genügend an Inhalte
Negativ
– Furchtbare Menüführung und unnötig frustrierende Auftragsstrukturen
– Durch den starken PVP-Fokus, zu wenig besondere Momente mit anderen Mitspielern
– Story geht trotz des soliden Designs der Charaktere nicht wirklich auf
– Unterschiedliche Aufträge die nicht auf die anderen Mitglieder abgestimmt sind, machen es zu einem Glücksspiel, ob man gemeinsam ans Ziel kommt
– Merkwürdige Rewards Pass Belohnungen für kosmetische Inhalte, neben den ohnehin schon freischaltbaren Gegenständen


