Review: Lost Judgment – Eine Fortsetzung mit ernsten und schwierigen Themen, die euch zurück in die Schule schickt

Die Yakuza-Reihe ist seit einigen Jahren ja sehr erfolgreich im Westen angekommen. Mittlerweile sind bis auf ein paar Spin-Offs alle Titel bei uns verfügbar und neue werden sogar zeitgleich weltweit veröffentlicht. Ein Traum für Fans. Nach der Umstellung des Kampfsystems der Hauptreihe auf rundenbasierte Kämpfe, bleibt Judgment den actionreichen Kämpfen treu und bekommt seine verdiente Fortsetzung. Ob Lost Judgment dem ersten Detektiv-Thriller noch etwas draufsetzen kann? Oder ob Hauptheld Yagami seinen Hut lieber an den Nagel hängen sollte? Erfahrt es in unserem Test.

Bei zwei Mordfällen gleichzeitig tanzen

Die Haupthandlung von Lost Judgment ist im Bereich der Videospielerzählung ziemlich ungewöhnlich, da sie sehr ernste Themen thematisiert und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Als ein Mann namens Akihiro Ehara eine Frau an einem Bahnhof tätlich angreift und für seine Verbrechen verhaftet wird, enthüllt er plötzlich den Aufenthaltsort der Leiche eines vermissten Lehrers. Die Seiryo Highschool, an welcher das Opfer unterrichtete, ist dabei von einer tiefen Kultur des Mobbings und der Belästigung unter ihren Schülern geprägt. In Zusammenarbeit mit einer lokalen, aber bekannten Agentur namens Yokohama 99 ist es nun eure Aufgabe, das Geheimnis hinter dem vorzeitigen Ableben dieses Mannes zu lüften. Dafür schleust ihr euch in die Schule. Klingt fast wie ein japanisches 21 Jump Street.

Neben Zwischensequenzen gibt es auch animierte Gespräche, die etwas einfacher gestaltet sind.

Es gibt sicher keinen Mangel an in Japan entwickelten Spielen, die das Highschool-Setting voll ausnutzen. Lost Judgment hebt sich aber durch seine reifere und kritischere Perspektive von anderen Spielen ab. Schon in den ersten Stunden des Spiels sieht man Szenen, in denen sowohl männliche als auch weibliche Schüler unerbittlich von anderen gepiesackt und verspottet werden. In den Händen weniger fähiger Entwickler könnten solche Szenen leicht zu bloßem Futter für den Schockwert werden. Aber Ryu Ga Gotoku und das erstklassige Lokalisierungsteam von Sega erledigen diese Aufgabe mit einem beeindruckenden Maß an Sorgfalt und Respekt.

Mobbing in der Schule ist ein größeres Thema der Story.

Wenn ihr Fans von Crime-Serien seid, in denen Verbrechen an High Schools oder Universitäten thematisiert werden, dann fühlt sich Lost Judgment wie eine stark erweiterte Version einer dieser Handlungen an. So allgegenwärtig Mobbing in anderen Medien auch sein mag, so selten wird sie in Spielen thematisiert. Somit bietet die Story eine einzigartige Sicht, da man sich direkt mit den Opfern identifizieren kann. Denn in der Schule oder anderswo gemobbt zu werden ist leider immer noch ein allgegenwärtiges und großes Problem. Und allein durch diesen Aufbau unterscheidet sich Lost Judgment sofort von seinem auf Mord fokussierten Vorgänger.

Ein großes Rundumpaket mit allerlei Ablenkungen

In der Arcade gibt es zwar coole Automaten mit Virtua Fighter und co.,…
…aber alle wollen doch nur am Sega Master System in Yamagis Büro zocken.

Lost Judgment ist ein Content-Gigant. Aber nicht auf die erdrückende Art und Weise, dass man nicht mehr weiß wo vorne oder hinten ist. Ihr habt die ca. 30 stündige Hauptgeschichte mit all ihren Wendungen, Boss-Kämpfen und Zwischensequenzen. Dann die serientypischen Nebenmissionen mit allerhand Parodien, die dieses mal sogar alle etwas ausgearbeiteter sind als noch in den Vorgängern. Dazu noch Nebengeschichten in der Schule, eine Tanzshow, ausgefeilte Boxkämpfe, Roboterkämpfe, Arcade-Hallen, Skateboard-Turniere, euer ausgewachsenes Sega Master System mit insgesamt acht Spielen und noch viel mehr. Bei der Fülle an Aktivitäten, die es zu erledigen gilt, sind die Nebenmissionen selbst eine der größten Verbesserungen von Lost Judgment. Denn sie knüpfen an den Yakuza-Wurzeln an, verbessern diese aber gekonnt. Erwartet im Gegensatz zum Vorgänger wieder richtig verrückte Missionen mit allerhand bescheuerten Anspielungen.

Auch der Hund will Gassi geführt werden.

Und anstatt dabei banale Detektivaufgaben zu erledigen, müsst ihr gegen Super-Saiyajin-Erzieher kämpfen, nach UFOs suchen oder einen Mann in einem Skelettanzug jagen, der euch mit falschen Körperteilen bewirft. Und da die Haupthandlung so unglaublich ernst sein kann, weiß man diese Momente der Leichtigkeit wirklich zu schätzen. Es ist ein absolutes Vergnügen zu wissen, dass man nie ganz vorhersehen kann, was einem als Nächstes begegnen wird. All diese Aktivitäten finden auf einer riesigen Karte von Yokohama statt, die weitaus weitläufiger ist als das hier im Spiel etwas abgespeckte Kamurocho-Viertel. Ja, sie basiert auf der Karte aus Like a Dragon, aber bestimmte Bereiche sind abgesperrt, während andere wiederum für Neues, wie zum Beispiel der Schule, genutzt werden. Da das ganze Erkunden aber auch per Fuß etwas dauert, gibt es ein praktisches Skateboard mit dem ihr die Straßen unsicher macht. Hier musste ich unweigerlich an Deadly Premonition 2 denken, wobei die Steuerung mit Yagami um einiges besser funktioniert.

Auch beim Dancen gibt es natürlich Special-Moves, die per Steuerkreuz aktiviert werden.

Eine typische Fortsetzung, die aber wenig falsch macht

Obwohl es in Lost Judgment eine ganze Menge zu tun gibt, ist das Missionsdesign im Spiel nicht so abwechslungsreich wie es sein könnte. Die Hauptmissionen kehren mit einem einigen Verbesserungen aus dem Vorgänger zurück. Beim Verfolgen von Verdächtigen muss man sich seltener hinter vorgeschriebenen Deckungen verstecken; bei Verfolgungsjagden gibt es eine neue Lebensbalken-Mechanik; und bei der Suche nach Hinweisen kann man manuell in den Sichtmodus wechseln, anstatt direkt hineingezwungen zu werden.

Parkour-Passagen sind neu dabei und teilweise leider etwas ungenau zu steuern.

Diese Features decken den Großteil der Quests ab, auf die man trifft. Daher ist es klasse, dass sie sich etwas weiterentwickelt haben, auch wenn diese Anpassungen eher gering ausfallen. Die offensichtlichste Neuerung der Serie sind wohl die Parkour-Passagen. Dabei muss Yagami Gebäude erklimmen, um einen Weg ins Innere zu finden oder um unzugängliche Bereiche zu erreichen. Mechanisch ist das Konzept solide, aber die Steuerung wirkt häufig etwas schwerfällig und dadurch ungenau. Spaß macht es aber jederzeit. Denn auch außerhalb dieser Sequenzen ist Yagami sehr agil, springt über Zäune, Begrenzungen oder einfach aus dem Fenster, wenn der Fahrstuhl mal wieder zu lange braucht.

Der Albtraum aller, zurück in die Schule.

Akrobatisch, praktisch, gut

Das Kampfsystem wurde mit Ausnahme einer neuen, gewaltfreien Kampfhaltung im Schlangenstil fast völlig aus dem Originalspiel übernommen. Doch das hat da ja bereits super funktioniert und der neue Still passt außerdem super in die Handlung. Dieser defensive Stil setzt auf Konter, kann Gegner entwaffnen und bietet spektakuläre EX-Moves, bei denen ihr eure Gegner nie direkt trefft, sondern nur bis zur Ohnmacht beeindruckt. Super also, um den nächsten Bully nicht direkt krankenhausreif zu schlagen. Euch stehen natürlich auch allerhand Waffen zur Verfügung, vom Baseball-Schläger bis zur Laterne, an die ihr per Special euren Gegner zimmert. Für Kampfspiel- oder Yakuza-Fans fühlt sich einfach alles wieder sehr befriedigend an. Für alle anderen, die drauflos prügeln wollen, gibt es natürlich aber auch vereinfachte Schwierigkeitseinstellungen zum wild losprügeln.

Außerhalb von Kämpfen könnt ihr den Baseballschläger auch im Schlagkäfig schwingen.

Punkte für neue Skills und Moves bekommt ihr übrigens wieder für so gut wie alles, was ihr im Spiel anstellt. Sei es ein Rekord beim Karaoke, Abschnitte in der Story oder ein Besuch im Restaurant. Alles kann in einer Liste abgehakt werden und bringt euch SP. Diese werden dann wie schon in früheren Spielen der Reihe zum Freischalten neuer Moves oder mehr Angriffskraft eingesetzt, aber auch für Verbesserungen außerhalb des Kampfes. Mehr Zeit zum Verstecken bei Verfolgungen oder einen größeren Magen könnt ihr euch so zum Beispiel auch freischalten. Probiert also alle Nebenaktivitäten aus, um euch extra Punkte zu sichern.

Grafik, Technik und Sound

Technisch macht Lost Judgment auf Playstation 5 einen sehr guten Eindruck. Die Städte sind wieder wundervoll ausgearbeitet, die Charaktermodelle detailliert umgesetzt. Ihr habt dabei auch die Möglichkeit zwischen zwei Grafikmodi zu wechseln, wobei der Performance-Mode mit 60fps dem 4K-Modus mit 30fps meiner Meinung nach vorgezogen werden sollte. Aussetzer beim Spielen gab es in beiden Modi aber keine, nur dass im Performance-Mode durchaus mehr Kantenflimmern wahrzunehmen ist und es mehr unscharfe Texturen gibt. Das Sounddesign ist wieder gewohnt gut, wenn auch nicht herausragend. Die musikalische Untermalung passt immer gut zur Szenerie, allerdings gibt es einzelne Tracks, die qualitativ etwas abfallen und monoton wirken. Zum Glück ist das bei der Vertonung aber nicht der Fall. Egal ob japanische oder englische Tonspur, beide sind wieder hervorragend umgesetzt und auch die deutschen Texte wurden wieder toll lokalisiert. Ihr könnt das Spiel also in allen Sprachvariationen genießen.

Eine Nebenmission lässt euch nach außerirdischem Leben suchen.

Fazit

Alles in allem ist Lost Judgment eine solide Fortsetzung, die sowohl für neue als auch für alte Spieler geeignet ist, denn den Erstling muss man hierfür nicht gespielt haben. Die Geschichte ist fesselnd, die Nebenquests sind oft witzig und es gibt eine Menge zu tun. Die neu dazugekommene Schule sorgt für eine gelungene Abwechslung der Locations und die verbesserten Features lassen die Missionen weniger repetitiv und dadurch immer frisch wirken. Lediglich der zähe Start, bis alles wirklich spannend wird, und die kleineren technischen Mängel fallen negativ auf. Wer sich also noch nicht an die große Yakuza-Serie herangetraut hat, bekommt hier einen sehr gelungenen Einstieg in die Welt der Ryo Ga Gotoku-Spiele.

Lost Judgment erscheint am 24. September 2021 für Playstation 4, Playstation 5, Xbox Series und Xbox One.

Positiv:

+ mit viel Feingefühl umgesetzte ernste Story

+ sehr detaillierte Locations

+ unglaublich viel Content mit umfangreichen Nebenaktivitäten

+ neuer Kampfstil, Parkour-Passagen und eine komplette Schule

+ Baut wunderbar auf dem ersten Teil auf,…

Negativ:

– etwas zäher Einstieg

– Kantenflimmern und unscharfe Texturen

– Gespräche in Nebenmissionen sind häufig uninteressant

– …bietet im Großen und Ganzen aber wenig wirklich Neues

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Written by: Nick Erlenhof

Hitoshura, Sith & FOXHOUND-Spectre

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