Warum man diesen mittlerweile siebten Teil der Reihe von Dontnod Entertainment respektive Deck Nine Games ausgerechnet nach elf Jahren und nicht nach runden zehn Jahren veröffentlicht hat, ist seltsam. Corona und so wahrscheinlich. Jedenfalls haben Fans der ersten Stunde wie ich schon sehr lange auf die – wie im Titel schon ersichtliche – Reunion der Ur-Protagonistinnen Max Caulfield und Chloe Price gewartet. Hat sich das Warten gelohnt?
Vorgeschichte
Obwohl das Game ein Standalone-Titel ist, wird schon zu Beginn klar, dass hier einiges an Lore-Kenntnis der bisherigen Teile (mit Ausnahme von The Awesome Adventures of Captain Spirit, Life Is Strange 2 und Life Is Strange: True Colors) vonnöten ist, um Inhalt und Vibe des Spiels vollkommen genießen zu können. Das zeigt sich schon ganz zu Beginn, wenn man als Grundsetting vier wesentliche Entscheidungen aus der Vorgeschichte festlegen muss. Wer nicht dabei war, denkt sich „who tf are those people?“, man kann sich das aber auch vom Zufallsgenerator abnehmen lassen. Anyway.

Zu Beginn also ist man als Max nach einem Wochenende auf dem Weg zurück zu ihrer Alma Mater Caledon University und findet diese in einem flammenden Inferno vor, in dem so ziemlich alle draufgehen. Schockiert entscheidet sie sich darauf zum riskanten Zurückdrehen der Zeit um drei Tage, um die Katastrophe zu verhindern. In einem parallelen Handlungsstrang wird man als Chloe von verstörenden Visionen geplagt und entscheidet sich, nach einer langen Phase der Funkstille, Max an der Uni zu besuchen. Soweit die Prämisse.
Whodunnit mit typischen Plottwists
Das Gameplay besteht nun im Wesentlichen daraus, durch Herumfragen und Nachforschen herauszufinden, was zu dem verheerenden Feuer geführt hat. Schon bald stellt sich heraus, dass es im Gefüge von Caledon gewaltig gärt: Expansionspläne des neuen Rektors, die geheimnisvolle Studentenverbindung Abraxas und grundsätzliche Animositäten zwischen Leitenden, Vortragenden und Studenten lassen vermuten, dass es mehrere Ursachen und somit Verdachtsmomente geben kann. Als zusätzliche Erschwernis taucht auch die aus Life Is Strange: Double Exposure bekannte und lange verschollene Safi Llewellyn-Fayyad, Tochter der geschassten Rektorin Yasmin Fayyad, auf. Und zwar durch ihre Fähigkeit als Shapeshifterin in immer wieder unterschiedlichen Gestalten.

Dazu gesellen sich auch andere Charaktere aus Life Is Strange: Double Exposure, die aber großteils nur sehr flache Ausstattung des Ensembles sind, mit Ausnahme noch von Uber-Nerd Moses. Das ist auch einer der Schwachpunkte des Spiels: Nebencharaktere, die sich am Ende als gar nicht so unwichtig herausstellen, werden nur sehr oberflächlich entwickelt, die nach ungefähr einem Drittel der Spielzeit stattfindende Reunion von Max und Chloe ist zwar rührend und alles, nimmt aber dann doch recht viel Raum ein. Man hat den Eindruck, dass die Entwickler sich letztlich nicht 100pozentig einig waren, ob sie der Handlung rund um den Feuerkrimi oder der innigen Beziehung und neu entfachten Zuneigung von Max und Chloe mehr Anteile widmen sollen. So plätschert nun beides ohne große Höhepunkte dahin. Lediglich die disruptive Rolle von Safi, ständig an der Kippe zwischen nervig und spannend, bleibt hier das Zünglein an der Waage.

Nach rund zehn bis elf Stunden Spielzeit hat man es also, sofern man nicht ganz dumpf oder auf Destruktion gebürstet ist, geschafft, alle oder zumindest fast alle zu retten und als wiedervereintes Paar in den Sonnenuntergang zu blicken. Yay. Und das ist dann für einen Premium-Titel doch ein bisschen kurz, denn auch wenn man natürlich alles mit unterschiedlichen Entscheidungen und Outcomes nochmal durchspielen kann, ist der Ansporn dazu enden wollend.
Look & Feel
Angetrieben von der Unreal Engine 5 ist Life Is Strange: Reunion natürlich um Ecken ansehnlicher als die auch für damalige Verhältnisse recht rohe Grafik der Ur-Teile. Aber die visuelle Performance bleibt auch 2026 ein mixed bag. Wenn das Spiel performt, dann entfaltet sich innerhalb des typischen visuellen Stils ein durchaus sehenswertes Szenario – wen. Denn wenn die Engine patzt, dann aber auch richtig. Schattentexturen wie auf einer N64, Clipping-Fehler und ähnliche eigentlich schon längst ausgestorben geglaubte Ärgernisse trüben dann oft den Eindruck. Ja sogar komplettes Versagen der Engine kam vor: nach einem Szenenwechsel war plötzlich die gesamte Grafik wie ein ausgewaschenes Negativ, am Ende half nur ein Neustart der PS5, um wieder eine normale Darstellung zu bekommen.

Auf der Habenseite sei der für die Serie traditionell herausragende, stimmungsvolle und fein gemixte Soundtrack erwähnt. Immer richtig platziert, wirkte er einst für die perfekte Untermalung des Gefühlstaumels von Teenagern und jetzt augmentierend für die realen Probleme und Sorgen junger Erwachsener. Wirklich fein.
Braucht man das? Ja!
Apropos Soundtrack: in der nur zehn Euro teureren Deluxe-Version bekommt man zum Spiel nicht nur typisches Beiwerk wie Digital Art, Digital Comic und ein Behind the Scenes, sondern auch einen Digitalen Mini-Soundtrack. Wenn man sich also schon über mehr als ein Jahrzehnt mit der Serie befasst und dieses oft etwas holprige, süß-saure Fanservice und die lang ersehnte Reunion gönnt, kann es ruhig auch die volle Packung sein.
Fazit
Wer die ganze Lore der Serie seit Anfang an liebt, endlich Closure zur ursprünglichen Handlung sucht und sich mit leichtfüßigem Fanservice inklusive guter Musik zufriedengibt, wird hier bedient. Auch wenn man nicht unverhältnismäßig viel Zeit investieren will und man sich nicht an einfacher und manchmal fehlerhafter Grafik stößt. Für Neueinsteiger aber aufgrund der fürs Gesamterlebnis doch fehlenden Vorwissens eher nicht empfohlen – Neugierige sollten zuerst in die Life Is Strange Collection mit Remastered-Versionen aller vorigen Teile investieren, hier ist auch das Preis/Leistungsverhältnis sehr in Ordnung.

Positiv
+ Langerwartete Reunion der Hauptcharaktere mit schönen Feels
+ Hervorragender Soundtrack
+ Grundsätzlich würdiger Abschluss einer gereiften Serie
Negativ
– Recht kurze Laufzeit
– Linear, oft zu einfach und kaum ausgearbeitete Nebencharaktere
– Erhebliche grafische Patzer


