Dieses Spiel hat nicht nur das innere Kind aus mir rausgeholt, sondern auch zeitgleich mich in Anfang der 2000er versetzt. Wenn Ihr das mit mir Teilen wollt, lehnt Euch zurück und macht dieses unvergesslichen Song nebenher an:
Ein kleiner Disclaimer vorweg: Ich spiele das Spiel auf der Standard PlayStation 5 und werde nur das Intro storytechnisch besprechen, um Euch nichts vorwegzunehmen. Hier möchte ich zusätzlich erwähnen, dass die Ultimate Edition viele wirklich tolle Boni enthält, darunter Kostümpakete, den Seasonpass sowie die zusätzlichen Digimon Spezial-Agumon und -Gabumon. Von letzteren würde ich allerdings abraten, da sie das Spiel zu sehr vereinfachen und einen enormen Einfluss auf den Spielspaß haben.

Nicht wir sind der wahre Held – Sondern die Geschichte / Teil 1 – Intro
Fangen wir mit etwas wirklich Positivem an! Die Geschichte ist ausgesprochen gut und nahbar erzählt. Wie oben schon angedeutet, werde ich nicht viel zur Story sagen oder zu sehr ins Detail gehen. Hier sei allerdings gesagt, dass das Spiel umso besser wird, je fortlaufender es ist. Ich werde das Spiel in zwei Teile aufteilen. Tutorial und Rest des Spiels. Fangen wir mit dem Tutorial an: Ich war enttäuscht. Es hat sich keinerlei Flow aufgebaut, ich habe kein wirkliches Spielverständnis entwickelt und auch keine Motivation. Man wird in die Welt hineingeworfen und mit Input überhäuft. Die Kämpfe haben sich repetitiv angefühlt und man musste sich im wahrsten Sinne des Wortes „durchkämpfen”. Glücklicherweise macht die Einführung nur einen sehr kleinen Teil des kompletten Spiels aus, da das Intro lediglich zwei bis drei Stunden dauert.

Aber fangen wir von vorne an: Wir sind Agent bei ADAMAS, einer Organisation, die die Menschen vor Anomalien schützen möchte. Zu Beginn werden wir durch die Welt und von A nach B geführt. Dabei dürfen wir uns sehr zeitnah eines von drei Digimon aussuchen. Danach beginnt unsere erste richtige Mission, bei der wir eine bestimmte Anomalie beheben müssen, die sich zu großen Teilen auf dem Dach eines Hochhauses befindet. Dort lernen wir die ersten Monster kennen und kämpfen uns den Weg zum Dach frei. Die Kämpfe dienen als Tutorial und sind nicht besonders anspruchsvoll. Sie zeigen wichtige Funktionen, sodass wir die Kontrolle über die ersten Digimon übernehmen können.
Nachdem wir uns auf das Dach hochgekämpft haben explodiert das Gebäude und wir kommen an einem ominösen Ort namens „Tempel der Anfänge”, wo uns drei weitere Digimon vorwerfen, wir wollten ihr mysteriöses Ei stehlen. Dabei werden wir von einer finsteren Gestalt / Anomalie verfolgt.
Nach dem Intro ist vor dem guten Spiel / Teil 2
Kurz danach endet das Intro und wir können Tokio komplett erkunden. Ab hier wird das Spiel wirklich gut. Die Geschichte zieht einen in ihren Bann. Ihr wollt immer mehr erfahren und entdeckt neue Orte. Wir werden durch die einzelnen Gebiete geführt und erfahren immer mehr über die Geschichte. Wieso wurden wir 8 Jahre in die Vergangenheit versetzt? Warum haben wir noch Kontakt zu Leuten aus der Zukunft? Das alles entwickelt sich zu einem wirklich spannenden Spiel. Dabei gibt es Twists und Spekulationen. Die Geschichte wird wirklich gut erzählt, mit guten Synchronsprechern und Texten. Die Hauptfigur hat jedoch keinen eigenen Sprecher und auch keine eigenen Texte, sondern lediglich vorgefertigte Dialogzeilen, die sie aus meistens drei Optionen auswählen kann. Das nimmt zumindest ein wenig die Immersion, da der Charakter den Mund bewegt aber weder was sagt noch Text steht.
Im Verlauf des Spiels lernen wir viele weitere Charaktere kennen. So lernen wir beispielsweise einen Vater kennen, der sich um seine Tochter sorgt und anscheinend ebenfalls ein „Agent” war. Oder eine Influencerin, die sich an uns hängt, da sie mehr Follower generieren möchte. Das wirkt zwar realitätsnah, allerdings ein bisschen zu überspitzt dargestellt.
Es gibt auch sehr charmante Nebenmissionen, die das Spiel und die Welt ein wenig auflockern. So sollen wir beispielsweise Kleidung zurückholen, die auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Dafür werden wir reichlich mit Items und Yen belohnt. Es fühlt sich nicht wie Beschäftigungstherapie an, sondern ist wirklich harmonisch in die Welt integriert.

Typische JRPG-Technik
Dabei ist in Tokio nicht immer viel los: Es kommt zwar auf das jeweilige Viertel an, aber es gibt auch Stadtviertel die wirklich wenig Interaktionen bieten. Tokio wirkt stellenweise irgendwie „leer”. Versteht mich nicht falsch, es laufen genug Leute herum und die Charaktere sind individuell gestaltet, aber es gibt nicht viele Gespräche mit den Einheimischen.

Das Spiel sieht wirklich gut aus und läuft bis auf paar Ausnahmen auch in 60fps. Hier und da sind zwar diverse Texturen verschwommen wie ein Gebäude oder der Schutt. Allerdings wirkt das Spiel sehr clean und liebevoll animiert. Man hat das Gefühl, dass die Zwischensequenzen aus dem Anime sind und wirklich dem Genrevertreter weit überholen.
Das Spiel ist für alle Altersgruppen gedacht. Während Optik, Charaktere und Monster sich eher an die jüngere Zielgruppe richten, werden sowohl im Subtext als auch in direkter Form sehr erwachsene Themen angesprochen. Dabei werden Mobbing, „Was wäre wenn?” und Selbstzweifel thematisiert. Auch Identitätskrisen spielen eine große Rolle in den Charakteren.
Dabei erinnert vieles stark an Genrevertreter der letzten Jahre. Man merkt deutlich den Einfluss der Persona-Reihe. Sei es der Velvet Room aus Persona 5, der hier im Prinzip das „Dazwischen-Theater” ist. Gerade am Anfang hat mich das Spiel an Mementos aus Persona 5 erinnert, aber auch an bestimmte Storyelemente. Das soll jedoch keineswegs ein negativer Aspekt sein, im Gegenteil: Es macht unfassbar viel Spaß, diese Spielmechaniken zu erkunden und sich an andere Spiele zu erinnern.
Es ist besser, sich eine gute Inspiration zu holen und diese gut umzusetzen, als sich eine Inspiration zu holen und diese schlecht umzusetzen.
Features die das Spiel runder machen
Eines der besten Features ist eindeutig die „Digi-Farm“, die nahtlos ins Spiel integriert ist. Dort könnt ihr Eure Monster trainieren und füttern. Es ist ziemlich wichtig, sich mit den Digimon zu „verbinden”, denn so könnt Ihr ihre Persönlichkeit ändern und eurem Spielstil anpassen. Die Digi-Farm bietet auch den Vorteil, dass wir uns dort kreativ ausleben können. Dabei stehen uns Items zur Verfügung, die wir auf dem Spielfeld, das in sechseckige Felder aufgeteilt ist, verteilen könnt. Dazu finden die Monster regelmäßig wichtige Items für den weiteren Spielverlauf.

Ein weiteres Feature sind die Kreuzungskünste, die sehr gut integriert sind und dem Kampf zusätzliche Taktiken und Tiefe gibt. Die Kreuzungskünste erlernt ihr relativ am Anfang des Spiels und sind eine wichtige Mechanik um stärkere Gegner zu besiegen. Ihr erlernt mehrere von den Künsten und könnt so später auswählen ob Ihr Euren Gegnern lieber mehr Schaden zufügt indem Ihr sie schwächt oder ob Ihr Eure Digimon zusätzlich ein Buff verpasst.
Ein Feature, das ich in Zukunft in jedem JRPG haben möchte? Während Ihr nach einem Kampf kurz stehen bleibt, regenerieren sich Eure Monster automatisch. Ihr müsst in dem Fall keine Heil- oder „Mana”-Potions verbrauchen. Die Zeit, die Ihr stehen bleibt, ist dabei abhängig davon, wie viel Schaden Euer Team in dem Kampf bekommen hat. Meistens könnt Ihr aber mit 3 bis 10 Sekunden rechnen.
Eine wirklich schöne Ergänzung ist auch die ausgestaltete Minimap, die Ihr jederzeit vergrößern könnt. Ebenso ist ein Gerät, das wir mit L2 bzw. LT betätigen und das uns sagt, ob sich Items in der Nähe befinden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es noch viele weitere Features gibt, die uns das Leben in Tokio erleichtern. Aber einiges wollen wir Euch natürlich selbst entdecken lassen. Die Features sind wirklich gut durchdacht und greifen wie kleine Zahnräder perfekt ineinander.

Ein wichtiges Feature möchte ich Euch allerdings noch ans Herz legen. Eine kleine Quizfrage: Was haben viele neumodische JRPGs und auch westliche Spiele gemeinsam? Richtig! Wir haben hier ein Spiel im Spiel. Ähnlich wie bei Witcher 3 haben wir auch hier ein Kartenspiel. Wir können die Karten gegeneinander antreten lassen und sie gleichzeitig auch sammeln. Die Mechanik ist anfangs etwas komplizierter, aber nach mehreren Kämpfen beginnt man, die Regeln zu verstehen. Dabei werden die kleinen Monster digitalisiert und ihr kämpft gegen NPCs. Ihr könnt eure Sammlung ausbauen, wenn ihr Runden innerhalb des Kampfes gewinnt. Ein wirklich sympathisches kleines Spiel im Spiel, in das man auch viel Zeit investieren kann.
451 digitale Monster – So viel Auswahl zu so viel Spiel
Die Auswahl an Digimon ist einfach unfassbar groß. Wir können sowohl neue als auch ältere Digimon wie zum Beispiel „Agumon“ zu unserem Team zählen. Sofern wir eine bestimmte Marke erreichen, können wir sie unserem Team hinzufügen. Stellt euch das so vor: Wir haben eine prozentuale Angabe von 1 bis 200 Prozent. Durch Kämpfe gegen sie erhöht sich dieser Wert. Ab 100 Prozent können wir sie in unser Team übernehmen. Das heißt, wir müssen beliebte bzw. starke Digimon erst auf mindestens 100 Prozent bringen, um sie „umwandeln” zu können. Ein wirklich gutes System! Wenn wir allerdings warten und unser gewünschtes Digimon nahe an die 200 Prozent bringen, erhalten wir ein stärkeres Monster.
Wir kämpfen immer mit drei Digimon und haben zusätzlich drei Digimon auf der „Bank”. Diese kommen ins Spiel, wenn einer unserer Starter stirbt. Vor dem offiziellen Kampf können wir die R2- bzw. RT-Taste drücken und erhalten so einen Eröffnungsschlag. Jedes Digimon hat dabei individuelle Stärken, Schwächen, Geschwindigkeit und Verteidigungs- und Angriffswerte. Ihr müsst die Gegner analysieren und eure Fähigkeiten clever einsetzen. Gerade vor wichtigen Bosskämpfen ist es wichtig, dass ihr euer Team so zusammenstellt, dass ihr diesen Boss besiegt. Da das Spiel verschiedene Schwierigkeitsgrade bietet, könnt ihr euch dort ausprobieren. Ich empfehle den „Schwer“-Modus, da er herausfordernd, aber dennoch fair gestaltet ist.

Auch die Fähigkeiten, die jedes Digimon besitzt, sind animiert. Die Animationen sind dabei wirklich liebevoll gestaltet und wirken wie aus einem Guss. Ihr könnt sogar während des Kampfes die Geschwindigkeit drastisch erhöhen. Dadurch wirkt das Spiel wesentlich flüssiger und respektiert Eure Zeit. Ein kleiner Tipp: Erhöht die Geschwindigkeit im Kampf auf x3. Ihr seht dennoch die Attacken von euch und den Gegnern und der Kampf wird dabei nicht unendlich in die Länge gezogen.
Fazit
Als ich die Bestätigung erhielt, dass ich dieses Spiel rezensieren darf, war ich damit „fine”. Ein Digimon-Spiel, das mich an meine Kindheit erinnert? Ein JRPG, das vielleicht ein wenig an Persona erinnert? Doch dann kam die Ernüchterung – die Einführung. Ich war wirklich enttäuscht und musste mich die ersten zwei Stunden wirklich durchzwingen. Nach dem Tutorial war es das wohl beste JRPG, das ich dieses Jahr spielen durfte. Es ist nicht nur ein gutes Digimon-Spiel, sondern auch ein wirklich sehr gutes JRPG mit einer erwachsenen Geschichte und wunderschönen Animationen.

Positiv
- Tolle erwachsene Story
- Technisch guter Zustand
- 451 Digimon zum sammeln. Jedes Individuell
- Anomaliesystem
Negativ
- Nicht einfach reinzukommen
- Überzeichnete Charaktere
- Manchmal wirkt das Spiel etwas leer
Was würdet Ihr ändern wenn Ihr acht Jahre in die Vergangenheit zurückreisen könntet?


