Review: Borderlands 4 – Kairos schlägt Pandora

Vor genau 6 Jahren am 13. September 2019 erschien Borderlands 3 und spaltete sowohl Journalisten als auch Fans mit seiner Story, die man rückblickend wie einen mehrstündigen erzwungen Daueraufenthalt auf TikTok bezeichnen könnte. Wir konnten uns nun ausgiebig mit der PC Version von Borderlands 4 beschäftigen und wollen euch in diesem Test nahebringen, ob und wie Gearbox Software aus dem Vorgänger gelernt hat.

Fly me to the Moon

Wer sich an den Schluss von BL3 noch erinnern kann, der weiß, dass der Mond Elpis der Welt Pandora in einem Kraftakt von Lilith wegteleportiert wurde, um eine Katastrophe zu verhindern. Dieser Mond ist dabei zum Trabanten von Kairos geworden. Dieser Planet ist der durchgängige Schauplatz von Borderlands 4 und hat seine ganz eigenen Probleme. Doch zunächst kommen wir zu den Protagonisten, die im Intro mit ihren Spezialfähigkeiten unterhaltsam in Szene gesetzt werden.

Der Klassenauswahlbildschirm in der Gefängniszelle

Mit dabei sind diesmal:

  • Rafa, der mit einem Exo-Skelett der Firma Tediore ausgestattet ist und High-Tech Waffen als Action Skill verwendet.
  • Amon, der optisch wahrscheinlich an einen Wikinger erinnern soll und mit beschworenen „archaischen“ Waffen wie Äxten, Hammer und Schilden agiert.
  • Harlowe, die als Wissenschaftlerin mit experimentellen Gadgets arbeitet und mit ihrer Passivfähigkeit Schaden an alle von ihrem Action Skill getroffenen Gegnern verteilt.
  • Vex, die die Rolle der Siren von BL4 einnimmt. Sie kann mit beschworenen Kopien, einem dauerhaftem Katzenbegleiter „Trouble“ und magischen Geschossen aufwarten.

Wir haben uns in unserem Story Playthrough für Vex entschieden und uns vor allem auf die Phase Clones und Trouble konzentriert, da diese auch einiges an gegnerischem Feuer auf sich ziehen. Natürlich sind wir auch kurz in die Haut der anderen Klassen geschlüpft und können sagen, dass sich genug Abwechslung hinter den Fähigkeiten und jeweiligen Skilltrees verbirgt. Denn jeder der jeweils drei Action-Skills kann über Punkte in den Skilltree noch mit Veränderungen ausgestattet werden und wie in Borderlands üblich, kann man auch jederzeit gegen Geld wieder umskillen.

Timkeeper und sein Order

Alle vier Vault Hunter werden zu Beginn vom unumstrittenen Herrscher von Kairos, dem Timekeeper, und seiner Order festgenommen. Eure Entscheidung welchen der vier ihr nehmt findet daher in der Zelle statt und der Protagonist eurer Wahl erhält seinen Bolt. Bolts sind eine Apparatur die im Nacken mit dem Nervensystem verbunden wird und es dem Timekeeper erlaubt die Kontrolle über die Person zu übernehmen. Doch kurz darauf werdet ihr von Arjay befreit und bekommt einen kleinen Roboter Echo 4 zur Seite gestellt, der den Bolt unterdrückt. Arjay ist Teil der Crimson Resistance, die sich gegen den Timekeeper und seine drei Generäle auflehnen will. Fans der Serie dürfte der Titel bekannt vorkommen, denn die Crimson Raiders wurden ursprünglich auf Pandora gegründet. Und drei mal darf man raten, welcher der Veteranen euch nach eurer turbulenten Flucht als erster begrüßt. Natürlich ist es die nervigste Laberbacke in allen sechs Galaxien: Claptrap.

Man darf sich im Laufe der Kampagne noch ein paar Wiedersehen feiern, aber Gearbox hat die Balance zwischen neuen Akteuren und alten Bekannten sehr gut gehalten und Letztere behutsam integriert. Auch das Foreshadowing würden wir als gelungen bezeichnen. Aber bis ihr den nächsten Hauptcharakter kennenlernt, hat euch Claptrap zur ersten großen Neuerung geführt. In der ersten Quest erkämpft ihr euch nämlich einen Gleiter. Dieses praktische Gerät gewährt euch die Möglichkeit – Überraschung – für eine begrenzte Zeit zu gleiten. In Kombination mit dem Doppelsprung, dem Dash des Gleiters und einem Greifhaken hat Borderlands 4 wesentlich interessantere Jumppuzzles und ermöglicht es sich dynamisch und vor allem zügig durch die große Open World zu bewegen. In Sachen Leveldesign gibt es deshalb auch wesentlich mehr Vertikalität. Horizontal zischt ihr dagegen mit eurem nun jederzeit rufbaren Digirunner umher. Vorbei sind die Zeiten an denen ihr eine Catch-a-Ride Station finden musstest, um einen fahrbaren Untersatz zu bekommen.

Mehr Waffenoptionen, weniger nervige Social Media Zwillinge

Eine weitere Neuerung ist, dass sich diesmal die gefundene Waffen nicht nur durch den Hersteller unterscheiden, sondern können davon abweichend auch Teile anderer Hersteller haben. Das führt z.B. dazu, dass eure Critical Hits dank Jakob’s Teilen zum nächsten Gegner fliegen. Leider könnt ihr diese Teile nicht untereinander tauschen, sondern seid komplett auf Itemluck angewiesen. Nach dem Durchspielen gibt es allerdings für eure Granaten, Schilder, Class Mods und dem Repkit genannten Medipack (eine praktische Neuerung) die Möglichkeit die sog. Firmware auf andere Teile derselben Itemart umzuspielen. Die Firmwares sind eine Art Setbonus, die euch für ein, zwei und drei Teile thematische Boni geben. An den unterschiedlichen Seltenheitsgraden der Items hat sich übrigens nichts geändert und darum ist das geschulte Auge auch immer auf der Suche nach orangenen, d.h. legendären, Items, die spezielle Boni bieten. Trotzdem können auch weniger seltene Items ihren Nutzen haben und vor allem am Anfang sind Legendaries auch noch kein Thema.

Ebenfalls kein Thema ist der aufdringliche Humor des dritten Teils. Ganz im Gegenteil wurde hier bewusst zurückgefahren, ohne den überdrehten, teils sozialkritischen Humor der Serie zu verraten. Wir wagen sogar zu behaupten, dass Borderlands 4 von allen Hauptspielen (ohne DLC) die beste Story zu bieten hat. Das bisschen mehr an Ernst und das bisschen Weniger an Absurdität tut, vor allem im Vergleich zum direkten Vorgänger, überraschend gut. Nichtsdestotrotz gibt es aber wieder jede Menge Nebenquests, die borderlandstypisch total verrückt sind. Um ein Beispiel zu nennen, sei die Unterstützung einer Ripperwissenschaftlerin genannt. Ripper sind, neben den Order Schergen des Timekeepers, die neuen Hauptgegner und im Prinzip das Pendant zu Psychos aus vorherigen Teilen. Ripper wird man, indem der Bolt gewaltsam entfernt wird, was zum Tod oder Verlust der geistigen Gesundheit führt. Eine vermeintliche Ausnahme (abzüglich von Touretteanfällen) bildet die genannte Wissenschaftlerin, die versucht Ripper nachträglich zu heilen. Wir helfen natürlich wo es geht und bringen Teile für ihre Maschine, die letztendlich mit sehr viel Strom auch tatsächlich „heilt“. Denn wer tot ist, ist schließlich auch nicht mehr geisteskrank. Auch eine Quest mit jedem Klischee, die Flacherdler so bieten, hat uns köstlich unterhalten. Das alles wird natürlich vom Spielercharakter laufend kommentiert und die Sprecher sind nebenbei bemerkt allesamt wieder auf sehr hohem Niveau.

Töte dies, sammle jenes und bringe das

Und das müssen sie auch sein, denn auf eurem Weg die Bolts der drei Generäle in den drei Biomen von Kairos zu sammeln, ist gameplaytechnisch die Abwechslung im Vergleich zu den Vorgängern nicht wirklich größer geworden. Bis auf eine winzig kleine Anzahl an Ausnahmen ist das Mittel der Wahl jede Menge Gewalt und das Erledigen aller Feinde. Ob man dann davor, danach oder mittendrin einen Knopf drückt, ein Item aufsammelt oder eine Batterie von A nach B bringt ist dabei völlig zweitrangig. Borderlands lebt vom run’n’gun Gameplay und der Spirale immer bessere Items zu finden. Die humoristischen Sidequests sind zwar unterhaltsam, aber letztlich Mittel zum Zweck, wenn man gerade noch ein, zwei Level für den nächsten Boss sammeln will. Wir haben die Kampagne in ca. 38h auf dem harten Schwierigkeitsgrad durchgespielt und sind dabei möglichst selten vom Storyweg abgewichen, außer eben um zu leveln. Das gesamte Spiel skaliert dabei mit euch mit, scheint aber Untergrenzen zu haben, sodass ihr nicht sofort überall auf Erkundungstour gehen könnt.

Denn in der Theorie gibt es jede Menge Collectibles, die nicht direkt an Quests geknüpft sind. Zudem solltet ihr die überall verteilten Order Silos und Basen einnehmen, da an diese das Fast Travel Netzwerk geknüpft ist. Zudem geben euch die Silos Hinweise auf Vault Key Fragmente, denn was wäre Borderlands ohne Vaults. Ansonsten könnt ihr Vault Symbole, Echo Logs und Bolts mit Background Story sowie diverse Möglichkeiten für Items finden. Nebenbei erledigt man natürlich weitere unzählige Gegner und stockt so seine Kasse, Erfahrungspunkte und ggf. auch sein Arsenal auf. Eine wirkliche spielerische Abwechslung bietet das leider nicht. Im Zuge dieser Tätigkeiten schaltet man aber so zumindest die Inventar und Munitionserweiterungen frei und bekommt über optionale Quests auch Cosmetics für seinen Digirunner, Vaulthunter und sein Echo 4.

Ähnlich wie z.B. in Guild Wars 2 gibt es zufällig erscheinende Bosse, die anhand einer großen, wabbernden Kuppel erkannt werden können. Wenn ihr diese Kuppel betretet spawned ein starker Gegner, der euch mehr Loot bringt. Wir wurden das ein oder andere Mal von diesen Kuppeln abgelenkt und haben den Kampf gesucht, anstatt die eigentliche Quest zu verfolgen. Alles in allem hat man also als Completionist richtig viel zu tun.

Das liebe Postgame

Trotz der mangelnden Gameplay Abwechslung hatten wir jede Menge Spaß, denn die Looter-Shooter Formel funktioniert auch heute noch. Nachdem wir die Story abgeschlossen hatten und die Credits rollten (Tipp: schaut sie euch bis zum Schluss an für einen kleinen Bonus), waren wir daher sehr gespannt, wie das Postgame dieses Mal ausfallen würde. Anstatt der Mayhem Level aus BL3 gibt es diesmal bis zu fünf Schwierigkeitsgradstufen (True Vault Hunter Level), die ihr euch über zu wiederholende Story Missionen holen könnt und in denen ihr u.a. mehr Schaden kassiert, aber dafür auch besseres Loot erhalten könnt.

Dabei gibt es aber einen Twist: Alle Gegner bekommen Modifikatoren, wodurch sie z.B. beim Ableben schwarze Löcher erzeugen, die euch ansaugen und explodieren. Die kennt man schon aus dem Hauptspiel, aber wenn auf einmal die Hälfte aller Gegner damit aufwarten und gleichzeitig regenerieren, dann dreht das ziemlich am Erlebnis und man muss ggf. anders spielen, als man das gewohnt war. Um den erhöhten Schwierigkeitsgrad etwas auszugleichen gibt es dann auch ein zusätzliches Levelsystem, das man damit auch für alle anderen Charaktere, egal welchen Levels freigeschaltet hat. Hier können, ähnlich wie die Badass Level in BL2, zusätzliche Attribute unendlich gelevelt und Passivfähigkeiten freigeschaltet werden. Das hilft aber alles nichts gegen das nervigste non-Feature in diesen Missionen: Dialoge außerhalb von Zwischensequenzen sind nicht überspringbar, was beim Farmen als Zwangspause durchaus nervt.

1/3 des jungfräulichen Skilltrees von Vex

Weiterhin kann man auf dem höchsten für sich freigeschalteten True Vault Hunter Level jede Woche eine andere Storymission unter ebenfalls verschärften Bedingungen wiederholen, um dort ein garantiertes Legendary zu farmen. Zusätzlich wechselt im Wochenrhythmus die Platzierung eines besonderen Shop Automates und jeweils einer der wiederholbaren Bosskämpfe (Moxxi’s Big Encore) bekommt ebenfalls ein Upgrade. Noch können wir nicht wirklich einschätzen, ob das ausreichen wird, um die Spielerschaft bei Laune zu halten, aber im Zweifelsfall kann man hier noch auf die DLCs hoffen.

Ein bisserl mehr Performance in Kairos

Wo auf jeden Fall so schnell wie möglich nachgebessert werden muss, ist die Performance. Unsere PC Version ist regelmäßig abgestürzt und war in bestimmten Bereichen sehr ruckelig unterwegs. Im Laufe der Reviewzeit wurde aber bereits mittels Patch nachgebessert und das hat zu einer spürbaren Verbesserung geführt. Wir hoffen aber dennoch, dass hier noch weitere Arbeit in die Optimierung hineinfließt und nicht nur sehr offensive Statements von Randy Pitchfork (CEO von Gearbox) bezüglich der Performance gemacht werden. In jedem Fall muss man den Day 1 Patch und ggf. weitere Verbesserungen abwarten, aber im derzeitigen Zustand müssen wir eine klare Warnung aussprechen, vor allem, wenn man bedenkt, dass BL3 bis heute noch an ein paar Stellen kränkelt.

Durch verschiedene Upscaling Technologien wie z.B. DLSS kommt man aber optisch zumindest zu einem sehr hübschen Spiel, das mit seinen verschiedenen Gebieten genug Abwechslung bietet. Auch der Sound ist ordentlich, wenn es rundherum wummst. In Sachen Musik ist uns leider wenig in den Gehörgängen hängen geblieben. Angesichts dessen, dass man aber Borderlands, wie üblich, wohl am ehesten im Co-Op auf lange Dauer genießt, hat man wohl eher die Stimmen seiner Mitspieler im Ohr und ignoriert die Musik eher. Auch hier gilt, der Fokus liegt auf dem Run’n’Gun Gameplay. Und uns zieht es genau deswegen jetzt schon wieder zurück nach Kairos, um das nächste Legendary und ein wenig mehr Schaden aus unserem Build herauszukitzeln.

Fazit

Gearbox hat in Sachen Story eine hervorragende Balance aus Borderlands typischem Klamauk und ernsthafter Erzählweise gefunden. Borderlands 4 erfindet ansonsten das Rad nicht neu, bietet aber mit mehr Movement Optionen und einer größtenteils Open World Erfahrung Verbesserungen der mittlerweile 16 Jahre alten Formel. In Sachen Performance hält man sich aber leider auch an altbekanntes und hat noch einiges an Potential der UE5 zu heben. Trotzdessen hatten wir wieder einmal jede Menge Freude am Looten und sind auch nach dem Test immer noch motiviert zum Weiterspielen.

  • Beste Story (ohne DLCs) aller Borderlands Teile bis jetzt, dank Balance zwischen Ernst und Blödsinn
  • Looter Shooter Formel funktioniert immer noch
  • Neue Movement Optionen machen das Gameplay interessanter
  • Abwechslungsreiche vier Ausgangsklassen
  • Die Performance am PC ist definitiv noch verbesserungswürdig, der Day1 Patch soll hier bereits helfen
  • Ein paar Rätsel mehr, statt immer nur zu schießen, würden das Ganze etwas Auflockern
  • Die Musikuntermalung ist nicht herausragend
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Written by: Steve Brieller

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