Pokémon Schwert & Schild Review: Arena-Challenge, Naturzone, Dynamax

Pokémon: ein popkulturelles Phänomen der späten 90er, das inzwischen schon über 20 Jahre Lebenszeit abzählt! Inzwischen sind all die Pokémon gar nicht mehr wegzudenken aus unserer modernen Welt. Die Animeserie, die Filme, das Kartenspiel, die Sammelfiguren und die Smartphone App bilden eine derartige Fülle, dass man fast vergisst, dass Pokémon auch eine Videospielreihe ist. Aber wie lange kann sich eine Reihe halten, die nie wirklich das Grundkonzept aus Sammeln und Wettkampf geändert hat? Mit Pokémon Schwert und Schild befinden sich Pokémon nun in der mittlerweile achten Generation der Haupttitel! Wirkt das Gameplay inzwischen schon abgestanden, auf welche Neuerungen hat Game Freak sich eingelassen und – viel wichtiger – spielt es sich überhaupt gut?

Der viel beschrittene Weg zum Titel des unangefochtenen Pokémon-Champion

Die acht Arenaleiter – Nio, der dritte von links, wird in Schwert durch Saida ersetzt.

Ein Junge oder Mädchen in einem verschlafenen Dorf, allein zu Hause mit der Mutter, ein wetteifriger Rivale in der Nachbarschaft, die Auswahl zwischen drei Pokémon! Der Start scheint augenscheinlich der gleiche wie in jeder anderen Generation zuvor zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung sind doch ein paar Alleinstellungsmerkmale festzustellen: Ein Professor im weißen Kittel scheint zu fehlen, die Einführung übernimmt diesmal ein metrosexueller Mann namens Rose, der sich als Präsident der Pokémon-Liga von Galar vorstellt.

Nach dem Intro werden sich Pokémon-Fans wieder in vertrauten Gewässern fühlen: Der Nachbarsjunge Hop klopft an die Tür und will sich ein Wettrennen liefern. Kurz darauf kommt sein großer Bruder, der amtierende Champ der Galar-Region, Delion mit seinem Glurak in die Stadt und bietet dem Protagonisten und Hop eines von drei Starterpokémon an – Hop wählt in diesem Fall das unterlegene Element zu eurem gewählten Starter – und schlägt euch vor die Arena-Challenge zu absolvieren (dahinter versteckt sich im Prinzip das klassische Pokémon-Abenteuer).

Bevor ihr jedoch eure Reise antreten könnt, werdet ihr im
nahegelegenen Wald Zeuge eines besonderen Ereignisses: Ein Wolly (das
Schafspokémon mit den Zöpfen) hat sich dort im Nebel verirrt und auf der Suche
danach begegnen der Protagonist und Hop dem legendären Pokémon der jeweiligen Edition.
Ein kleiner Vorgeschmack also auf die Dinge, die noch kommen werden!

Brandneue Funktionen, gemischt mit dem vertrauten Altbekannten

Bereits vor dem Release von Schwert und Schild haben unterschiedliche Schlagzeilen hohe Wellen in der Pokémon Community geschlagen. Eine davon ist Dynamax, eine Funktion, die Pokémon zu Riesen heranwachsen lässt. Sie sind stärker als normaler Pokémon, dies äußert sich aber neben den stärken Dynamax-Attacken lediglich durch eine größere Anzahl an KP, die sich bei der Dynamaximierung aus den normalen KP des Pokémon, multipiliziert mit einem bestimmten Faktor, ergeben. Das Pokémon erhält also das x-fache seiner aktuellen KP, das normale KP-Maximum wird ebenfalls während der Zeit der Dynamaximierung multipliziert. Der genaue Faktor hängt vom sogenannten Dynamax-Level eines Pokémon ab.

Zusätzlich existiert eine Form mit dem Titel Gigadynamax, die aber nur von bestimmten Pokémon eingesetzt werden kann: Glurak, Pikachu, Mauzi, Relaxo und Evoli sind fünf Beispieler der Erstgeneration-Pokémon, die über Gigadynamax beherrschen. Sie verleiht ihnen nicht nur ein neues einzigartiges Aussehen, sondern auch eine zusätzliche Attacke, die nur von dem jeweiligen Gigadynamax-Pokémon ausgeführt werden kann. Aufgrund einer solchen Funktion, die ein jedes Pokémon zu einem wahren Giganten machen kann, konnte Game Freak auch eine Kampfweise einführen: den Dyna-Raid.

Hier treten vier Trainer (reale Mitspieler oder NPCs) gegen ein Pokémon an, welches die gesamte Kampfdauer unter Dynamax vergrößert ist. Dabei können die vier Mitstreiter nur jeweils ein Pokémon mit in den Raid bringen – wem das Pokémon K.O. geht, kann die anderen nur noch anfeuern. Nachdem ein solches Dynamax-Pokémon besiegt ist, besteht die Möglichkeit es zu fangen, zusätzlich gibt es Belohnungen in Form von Items und Watt, welche im Prinzip die inoffizielle Währung der Naturzone ist. Watt können mit anderen Personen gegen nützliche Gegenstände getauscht werden, vorausgesetzt man findet in der weitläufigen Naturzone auf Anhieb einen solchen Tauschpartner.

Selbst Pokémon-Veteranen werden beim Anblick der schieren Weiten, welche die Naturzone zu bieten hat, staunen – ein komplett offenes Areal, das sich neben den typischen Routen und Städten der Pokémon-Welt erstreckt. Hier lassen sich über Lichtsäulen die vorhin erwähnten Dyna-Raids ausmachen – doch Vorsicht: Nicht nur Dynamax-Pokémon stellen eine Bedrohung in der Naturzone dar, auch ganz normal wirkende Pokémon können einen viel höheren Level besitzen als das eigene Team. Wer sich dem Kampf mit einem wilden Pokémon stellt und dabei den Zusatz „Wow, es wirkt extrem stark!“ liest, sollte besser flüchten, sofern er keine wasserdichte Taktik parat hat.

Neben den ganzen Gefahren existiert aber auch die Möglichkeit mit den eigenen Pokémon einfach mal zu entspannen: PokéCamping erinnert an bereits früher implentierte Tamagochi-ähnlich Funktion, bei der ein Zelt aufgeschlagen wird und man dann nach Lust und Laune mit den Pocket Monster spielt. Ebenfalls möglich ist es, ein Curry aus gefunden Zutaten zu kochen, um den Pokémon einen Statusboost zu verpassen. Es gibt in dieser Hinsicht so viele verschiedene Curry-Rezepte, dass ein eigener „Currydex“ hunderte verschiedene Curry-Variationen listet. Sogar Pokémon von anderen Trainern können beim Campen eingeladen werden.

Die wunderbare Zugänglichkeit und der fürchterliche „Dexit“

Spieler der ersten Generationen werden sich noch an einige der wirklich sperrigen Situationen erinnern: das eine Pokémon im Team, welches immer die ganzen VMs lernen musste, der mühsame Weg zu Bill’s PC, um Pokémon auszutauschen, das Herumsuchen in den Menüs und natürlich das Rätselraten, wenn man nicht mehr genau weiß, welches Element welchem überlegen ist. Jedem dieser Kritikpunkte wurde mit Pokémon Schwert & Schild Abhilfe geschaffen: Zum einen ist das übersichtliche Menü mit Sicherheit das beste aller Generationen, über welches man direkt auf die in Boxen verstauten Pokémon zugreifen, um das mitgeführte Team auszuwechseln.

Die Pokémon, die sich aktiv im Team befinden, erhalten ab jetzt übrigens auch Erfahrungspunkte, egal ob sie am Kampf teilgenommen haben oder nicht. Dadurch wird der umständige EP-Teiler komplett überflüßig und man kann bequem ein ausgewogenes Team hochziehen. Es ist nicht unüblich wie im Beispiel unten, dass gleich mehrere Pokémon aufleveln.

Zum anderen gibt es bereits seit der letzten Generation keine zwingenden VMs mehr – ein „Flugtaxi“-Service bringt den Protagonisten zum Beispiel bequem zu jeder bereits besuchten Stadt. Dadurch können die eigenen Pokémon die wesentlichen Attacken lernen, die für den Kampf wirklich von Nutzen sind. Und diese herauszufinden ist auch nicht mehr schwer: Sobald man einmal einem bestimmten Pokémon begegnet ist, wird neben den verfügbaren Angriffen vermerkt, wie effektiv sie sind. Selbstverständlich weiß jeder, dass Feuer sehr effektiv gegen Pflanze ist, aber wie sieht es mit Fee gegen Kampf aus? Die Anzeige verrät es sofort!

Zuletzt noch ein Punkt, der vielen Fans der Reihe sauer aufstößt, der unsinnig betitelte „Dexit“: Mit acht Generationen an Pokémon existiert nun eine gewaltige Anzahl von Pokémon – sage und schreibe 890 (je nach Zählweise unterschiedlich), doch in Pokémon Schwert & Schild lassen sich davon nur 400 finden. Das ist zwar die höchste Anzahl in einer Edition aufzufindenden Pokémon, dennoch gibt es deshalb viele Beschwerden, denn viele Fanlieblinge sind leider den Einschränkungen zum Opfer gefallen. So erscheint es doch etwas merkwürdig, dass Glurak so eine prominente Rolle in der Story einnimmt, von Bisaflor und Turtok allerdings keine Spur zu finden ist. Schwert und Schild sind momentan nur miteinander kompatibel, also können nur die wirklich in dieser Generation vorhandenen Pokémon gefangen und getauscht werden. Nintendo verspricht zwar eine Service, über den Pokémon auch vom Nintendo 3DS und Smartphone auf die Switch übertragen werden könnne, das Releasedatum dafür liegt aber auf einem unbestimmten Zeitpunkt im Jahr 2020.

Fazit

Pokémon Schwert & Schild beschreibt thematisch eine deutliche Abkehr von Vorgänger Sonne & Mond: Während in der letzten Generation Arenaleiter und ihre Arenen komplett ausgepart, dafür aber vollgepackt mit einzigartigen und legendären Pokémon wurden, ist es jetzt genau umgekehrt. Der Fokus liegt definitiv auf dem Spektakel der Konfrontation mit dem Arenaleiter, der Protagonist trägt dafür ein eigenes Trikot und tritt in die Mitte eines riesigen Stadions. Entsprechend ist auch der Schwierigkeitsgrad im Gegensatz zu früher etwas angehoben, damit dem Spieler eine dementsprechende Herausforderung bevorsteht. Die Naturzone lädt geradezu zum Entdecken ein (bei unterschiedlichem Wetter passieren auch unterschiedliche Dinge) und Dynamax funktioniert besser als erwartet. Obendrauf ist die Bedienung so praktisch angelegt wie nie zuvor, dadurch bietet die achte Generation einen so reibungslosen Einstieg wie keine andere. An manchen Ecken mag es vielleicht ein wenig an Feinschliff fehlen und Fans vermissen eine große Zahl ihrer ganz persönlichen Favoriten, doch in diesem Aspekt kommt es schlussendlich auf den eigenen Geschmack an. Fakt ist, dass jeder Pokémon Fan, ob langjährig oder erst seit Kurzem dabei, mit Pokémon Schwert & Schild eine gigantische (oder gigadynamaximierte) Menge Spaß haben kann, wenn er nicht zu jenen gehört, die einen Pokémon-Titel exakt nach ihren Vorstellungen benötigen.

Positiv

+ die Naturzone bietet unglaublich viel Fläche zum Erkunden und motiviert zum Suchen und Fangen von Pokémon

+ der zugänglichste und einsteigerfreundlichste Teil der gesamten Reihe

+ Dynamax und Dyna-Raids als neues Feature funktioniert gut und liefern mehr Dramatik

+ Arenakämpfe können fordernd sein

Negativ

– absolute Pokémon-Favoriten in den Spielen nicht aufzufinden

– erste Spielstunde trotz Variation dennoch zu parallel zu Vorgängertiteln

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger