Divinity Original Sin 2 – PS4 Review: Das RPG, das unendliche Möglichkeiten bietet (und dann noch mehr)

Das Rollenspiel-Genre an sich ist eine Investition: Der Spieler investiert nicht nur seine Emotionen in die Charaktere, sein Interesse in den Questverlauf oder seinen Grips in verworrene Rätsel. Man muss vor allem auch Zeit investieren in diese riesigen virtuellen Epen, die mit Unmengen Text und Lore aufwarten. Mit der Zeit wurde das RPG aber viel einsteigerfreundlicher – The Elder Scrolls V: Skyrim und The Witcher 3 haben das 3rd Person-RPG massentauglich gemacht; mehr Action, weniger Taktik. Keiner behauptet, dass diese Titel nicht Meilensteine für sich sind, doch wo sind die anderen RPGs geblieben? Wo sind dialoglastigen isometrischen Rollenspiele der Jahrtausendwende, deren Handlungsverlauf so genau durchdacht waren, dass man nicht genau wußte, ob die begleitenden Textblöcke jemals ein Ende nehmen?

Außer inXile mit Torment: Tides of Numenara und Larian Studios mit der Divinity-Reihe sind sie ein Nischenprodukt geworden. Umso ironischer ist es, dass Larian Studios in diesem Jahr mit dem absoluten Höhepunkt genau dieses Genres aufwartet: Divinity Original Sin 2.

Story

Schon die sechs Hauptcharaktere besitzen mehr Hintergrundstory als jeder x-beliebige Auserwählte, der gegen die Mächte des Bösen kämpfen muss und – Überraschung – gewinnt. Die Heldenparty setzt sich aus einem Überlebenden einer toten Rasse, einer Dämonenbesessenen, einem Auftragsmöder, einem Zwergenpiraten, einem Echsen-Sklavenherrscher und einer ehemaligen Elfen-Sklavin zusammen. Das es dabei zu Auseinandersetzungen unter den Verbündeten kommt, ist praktisch vorprogrammiert. Leider können nur maximal vier Charaktere aktiv in die Gruppe aufgenommen werden, deshalb sollte man sich gut überlegen, wann welche Figur gerade am meisten gebraucht wird. Zusätzlich können auch fremde Charaktere die Party verstärken, die streng genommen keine Protagonisten sind – man sieht bereits hier die unglaublich vielen Konstellationen, die sich einem in verschiedenen Situationen bieten können. Zudem hat jeder NPC eine eigene Backstory, eine Option zum Handeln, zum Bestehlen und einen Sympathie-Wert gegenüber jedem Party-Mitglied.

Der Rote Prinz ist hochnäsig und arrogant, dementsprechend kann man auch in Dialogen so antworten.

Gameplay

Jeder Bürger in Rivellon wird sich auf einen Handel einlassen, doch sollte man einen Tauschhandel (eine angebotene Option neben Kauf/Verkauf oder Schenken) wählen und völlig unter Wert verkaufen wollen, so verliert man Sympathie-Punkte seinem Gegenüber, weil sich dieser logischerweise beleidigt fühlt. In einem Beispiel (siehe Bild unten) biete ich einen Fisch und drei Eimer Wasser (Gesamtwert: 14) gegen ein wertvolles Fähigkeitenbuch (Gesamtwert: 308) an. Der Sympathiewert meines Tauschpartners Rezik fällt sofort auf – 14! Sollte er noch weiter fallen, besteht die Möglichkeit, dass er mich attackiert. Und Zahlen für Sympathiewerte sind nur die Spitze des Eisbergs: Neben Skill-Checks in jedem Dialog hat man auch die Möglichkeit mit Tieren zu reden (die manchmal sogar Quest-Geber sind), zur Diskussion mit jedem einzelnen Partymitglied und zum Schleichen (so kann man bei geheimen Konversationen mitlauschen) und natürlich auch Diebstahl.

Rezik will sein Buch nicht hergeben und wird sauer. Natürlich bleibt noch die Option es normal zu kaufen… oder es zu stehlen.

Sollte man bei eben einer dieser Diebeszügen erfolgreich sein, ist man trotzdem noch nicht außer Gefahr. Der Bestohlene merkt nach einer gewissen Zeit das Verbrechen und durchsucht die Umgebung nach Verdächtigen. Wenn er euch erwischt und keine der Ausflüchte oder Drohungen funktionieren, durchsucht er euer Inventar nach Diebesgut – und das endet dann meist hässlich für eine der beiden Parteien. Diese Dynamik ist aber nicht nur im in dieser Art von Konfrontationen sondern auch im Kampfsystem zu finden.

Der Rote Prinz richtet seinen Feuer-Atem aus.

Larian Studios hat für Divinity Original Sin 2 das rundenbasierte Kampfsystem neu erfunden: Anstatt festgesetzten Party- und Gegnerreihen bewegen sich die Gruppen frei über das Feld und werden dabei je nach Terrain beeinflusst. Ein Ölfass kann durch einen Feuerball zu einem Flächenbrand werden. Dieser kann wiederum durch Regen gelöscht werden, doch der Dampf der sich beim Löschen bildet, ist durch einen Blitz elektronisch aufladbar. Die Gegner-KI wird solche Vorteile im Kampf bei jeder Gelegenheit nutzen. Fast nichts ist in Kämpfen wichtiger als das Positionieren der eigenen Charaktere, doch jede Bewegung kostet auch wertvolle Aktionspunkte – also Achtung: zahlt es sich wirklich aus sich direkt vor den Feind zu stellen ohne eine Möglichkeit einen Angriff ausführen zu können? Gerade dieses geländebezogene Denken lässt das altbewährte Rundenkampfsystem in neuem taktischen Glanz erstrahlen.

Es entscheidet sogar welcher der Fernkämpfer höher steht. Aus einer niedrigen Position zu schießen, bedeutet Abzüge auf Schaden.

Heutige Spiele sind nach einem natürlichen ABC-Muster aufgebaut: Starte an Punkt A und gehe über Punkt B um das Ziel, Punkt C, zu erreichen. Doch Divinity Original Sin 2 weicht auch hier völlig von dem üblichen Schema ab. Gut möglich, dass der Spieler einen NPC, der sich später noch als enorm wichtig für ein Quest erweisen sollte, bereits umgebracht hat. Hier gibt es keinen Failsafe mit Charakteren, welche durch K.O. maximal bewusstlos werden können – wer Fehler macht, muss einfach eine komplett andere Lösung suchen. Divinity bietet in dieser Hinsicht immer einen alternativen Weg an, falls man sich falsch verhält oder eine unkonventionelle Entscheidung trifft.

Amyro weiß einen Weg von der Insel, allerdings will er erst befreit werden. Ihm ist egal ob ihr dabei perfide agiert oder ein Blutbad anrichtet.

Fazit

Role Playing Games stammen von Pen&Paper ab – Tabletop-Games, in denen nur die Fantasie der mit Papier und Stift bewaffneten Spieler die Grenzen festsetzen. Würfel bestimmen dort den Ausgang über Konfrontationen und maßgeblich die Richtung des weiteren Spieleverlaufs. Seit jeher versuchen PC-Spiele diese Freiheit zu simulieren. Baldur´s Gate 2 und Dragon´s Age II waren bereits sehr nahe dran – doch mit Divinity Original Sin 2 hat Larian Studios nach einigem Probieren und Versuchen an den Vorgängern nun alles richtig gemacht. Die Fülle an Möglichkeiten fühlt sich grenzenlos an und die Storyline ist alles andere als 08/15. Kein Schwarz/Weiß-Denken, stattdessen hat jeder seine eigene Motivation, jeder will ein ganz bestimmtes Ziel nach seinen eigenen Vorstellungen erreichen. Dialoge und Kampfsystem sind im PlayStation 4-Port sehr gut umgesetzt worden, leider ist die ohnehin nicht so gute Menüführung des PCs mit dem Controller sogar noch umständlicher. Das Umverteilen von Inventar ist eine relativ langwierige Angelegenheit und oft merkt man auch, dass das Anvisieren von Gegnern eigentlich für den Computer konzipiert worden ist. Letztlich hat die „definitive“ Version von Divinity aber noch immer all die Qualitäten, die es zu einem Meilenstein in der RPG-Geschichte machen. Dank eine lokalen Koops sogar mit einem Freund oder online mit bis zu vier Spielern spielbar!

 

Positiv

+ mehr Freiheiten und Optionen als in jedem anderem RPG zuvor

+ eine außerordentlich gute Story

+ ein bekanntes und dennoch innovatives Kampfsystem

+ alternative Möglichkeiten zur Absolvierung jedes Quests

+ sehr hoher Wiederspielwert

Negativ

– Steuerung im Menü verwirrend

– Grafik wird beim Fokusieren äußerst unscharf

 

 

 

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger