Call of Cthulhu Review – Das passende Horrorspiel rechtzeitig für Halloween?

Wer schon mal das Vergnügen mit einer Geschichte von H.P. Lovecraft hatte, weiß um was es sich zumeist dreht: Abartige Tentakelmonster, unheimliche Schattenwelten und den menschlichen Verstand, der angesichts dieses Grauen in Wahnsinn verfällt. Das französische Unternehmen Cyanide Studio versucht sich nun an dem fast schon legendären Stoff um, laut eigener Aussage, ein Survival Horror Game auf die Beine zu stellen. Wir haben den Titel knapp vor Halloween für euch angespielt und können euch verraten ob Cthulhu und Konsorten euch hier das Fürchten lehren werden.

Edward Pierce – hartgesottener Privatdetektiv mit Alkoholproblem

Privatermittler Edward Pierce wird im Jahr 1942 beauftragt, den tragischen Tod der Familie Hawkins in ihrem imposanten Anwesen auf Darkwater Island, weit draußen vor der düsteren Küste Bostons, aufzuklären. Schon bei der Ankunft zeigen sich ihm die Einheimischen äußerst unfreundlich und kooperieren nur wenn man sie überreden, einschüchtern oder ihnen einen Gefallen erweisen kann. Die raubeinigen Seemänner werden im Laufe des Spiels aber zu dem geringsten Übel für Pierce, der sich schon bald mit Verschwörungen, Irren und Kultisten rumschlagen muss. Und da haben die übernatürlichen Ereignisse noch gar nicht begonnen. Die Handlung hält immer ein gewisses Mindestmaß an Spannung und sorgt dafür, dass der Spieler immer noch ein wenig mehr über die unheimlichen Begebenheiten von Darkwater erfahren will. Die Charaktere selbst wirken hingegen eher dümmlich und sorgen manchmal für unfreiwillig komische Situationen. So kann es passieren, dass man von einem Polizisten in einem abgeriegelten Bereich erwischt wird, ihn über die Dialogauswahl einen Fettsack schimpft und er einen dennoch bereitwillig bei den Ermittlungen unterstützt.

Über das Dialog-Rad werden neue Optionen durch Fähigkeiten oder zuvor gesammelte Informationen freigeschaltet. Und manchmal auch Beschimpfungen.

Ein Hauch von Rollenspiel

Mit abgeschlossenen Questzielen erhält der Protagonist Punkte, die im Menü für fünf verschiedene Fähigkeiten ausgegeben werden können: Redegewandheit, Entdeckung, Psychologie, Stärke und Ermittlung erhalten je nach ausgegebenen Punkten eine höhere Prozentzahl, die schließlich zu einer höheren Stufe führt. Dadurch stehen dann mehr Möglichkeiten offen; zum Beispiel das Knacken eines Vorhängeschlosses oder das Finden versteckter Gegenstände. Zwei weitere Fähigkeiten, Okkultismus und Medizinkunde, können nur durch das Lesen von Büchern, die überall in der Spielewelt verstreut sind, aufgebessert werden.

Die sieben Fähigkeiten im Überblick

RPG-ähnlich ist auch das Lösen von Aufgaben und Puzzles auf verschiedene Weisen – ob man lieber zwei arbeitslose Walfänger dafür anheuert ene Ablenkung zu schaffen oder sich direkt mit dem Bandenboss trifft und einen Deal aushandelt bleibt dem Spieler überlassen. Nebenquests von solcher Art wären wünschenswert gewesen, aber diese fallen leider nur sehr kurz und linear aus. Zudem sind die eingestreuten Rätsel meist ein wenig zu simpel und verlangen nicht viel eurer Aufmerksamkeit.

Das Finden von vier Stromschaltung für eine Überlastung bereitet keine großen Schwierigkeiten.

Anstatt Survival Horror doch ein First Person Adventure

Interessanterweise weist Cyanide Studio das Spiel als Vertreter des Survival Horrors á la Resident Evil 7 ud Silent Hill aus, wohl um die Fans dieses Genres auf Call of Cthulhu aufmerksam zu machen. In Wirklichkeit hat man es aber mit einem Adventure zu tun, denn Ressourcen-Management fehlt hier völlig und auch die Horrorkomponente lässt zu wünschen übrig. Wirkliche Schockmomente gibt es so gut wie keine; wer Amnesia bis zum Ende gezockt hat, wird diesen Titel nur müde belächeln. Die Kultisten stellen sich in den Stealth-Passagen blind und taub und selbst wenn sie euch verfolgen, sind sie dabei auf ein Schneckentempo begrenzt. Gruseliger sind hier eher die Gesichter und Verhaltensmuster der NPCs, mit denen man redet, und sich dabei ganz tief ins Uncanny Valley versetzt fühlt.

Solange der Kultist die Maske nicht abnimmt und die schlechte Grafik seines Gesichts (ca. PlayStation 2-Ära) zeigt, ist das Szenario nur halb so grauenhaft.

Neben den vorhin erwähnten Stealth-Passagen und Rätseln gibt es auch noch sporadische Egoshooter-Szenarien, die aber furchtbar aufgesetzt wirken und eher Verwirrung stiften als für Abwechslung zu sorgen. Schlussendlich sind das markanteste Element von Call of Cthulhu die Tatortnachstellungen, bei denen Edward Pierce vor seinem geistigen Auge die Ereignisse der Vergangenheit Revue passieren lässt. Doch auch hier reicht das einfache Anklicken eines Gegenstandes oder einer Person im Raum um das Geschehen richtig nachzustellen – was in Kombination mit kniffligen Aufgaben ein Highlight des Spiels hätte werden können, ist doch nur ein nettes Gimmick geblieben.

Narrativ schön gemacht, bieten die Nachstellungen leider dennoch keinerlei Gameplay-Freiheiten.

Fazit

Die angestaubte Grafik und simple Gameplay lassen das Spiel erstmal wie einen Titel wirken, der in keiner Spielebibliothek vertreten sein muss. Obendrauf sind einige Dialogsequenzen reinster Unsinn und laden eher zum Schmunzeln ein als schaurige Stimmung zu verbreiten. Und dennoch ist die Gesamtstimmung einigermassen spannend und reizt zum Weiterspielen, auch wenn niemand die Atmosphäre mit authentischem Horror verbinden würde. Man merkt die Liebe zum Detail und die Ambitionen der Entwickler hinter der plumpen Fassade vor allem dann wenn einige wirklich gute Momente zusammenkommen, die das Spiel durchaus besitzt. Letztlich ist Call of Cthulhu mit all seinen Schwächen und Fehlern dennoch empfehlenswert, mit dem jeder Lovecraft-Fan allein schon aufgrund der zahlreichen Referenzen vollauf zufrieden sein wird.

Positiv:

+ atmosphärische Storyline, die bis zum Schluss gehalten wird

+ detailierte Anspielungen an H.P. Lovecraft ohne ihn direkt zu kopieren

+ alternative Lösungswege für Quests

Negativ:

– zu einfache Rätsel

– Grafik mehr als rückständig

– manche Dialogoptionen unsinnig

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger