Anno 1800 Review – Klassischer Städtebau glänzt mit neuen Optionen

Nachdem der deutsche Entwickler BlueByte den Aufbausimulator mit Anno 2070 und Anno 2205 in die Zukunft geschickt hatte, ist es nun wieder Zeit sich seiner Wurzeln zu besinnen: Anno 1800 versetzt den Spieler in das Zeitalter der Industriellen Revolution, direkt zwischen einfache Landwirtschaft und hochmoderne Fabriksanlagen und lässt den Spieler auf zwei unterschiedliche Karten siedeln, der Alten und der Neuen Welt, wobei erstere das Land der Kolonialmächte darstellt und zweitere unerforschte, tropische Inseln bietet.

Vom Drifter zum Landschaftsarchitekten

Die Kampagne bietet in vier Kapiteln eine Art Tutorial für die Mechaniken in Anno 1800. Zu Beginn treibt ihr auf einem kleinen Schiff ziellos über die Meeresweiten bis ein Brief eurer Schwester euch über den Tod des Vaters unterrichten. In der Zwischenzeit hat sich sein Bruder, Onkle Edvard, bereits das komplette Familienunternehmen unter den Nagel gerissen und wälzt die bestehenden Schulden auf euch ab. Genau der richtige Zeitpunkt um eine eigene Siedlung mit florierender Wirtschaft auf einer nahen Insel zu gründen und dem böswilligen Onkel das Wasser abzugraben – Zeit für den Aufstieg eines kleinen Dorfs namens Ditchwater.

Der bescheidene Beginn einer Großindustrie

Auch wenn diese Rahmenhandlung, welche durch sporadische Zwischensequenzen erzählt wird, nicht allzu lang ist, darf man sich mit den Techniken des wirtschaftlichen Fortschritts sowie der territorialen Expansion vertraut machen und für die Spielzeit von 15 bis 20 Stunden werden obendrauf jede Menge optionale Sidequests angeboten.

Mikromanagment für die Meister ihres Fachs

Anno 1800 enthält das in Anno 2205 eingeführte Arbeiterklassensystem: in diesem Fall können aus den einfachsten Einheiten, den Bauern, bei voller Zufriedenheit zu Arbeitern gemacht werden und aus denen wiederum Handwerker. Jede Klasse verfügt über ein bestimmtes Arbeitsfeld – nur der Bauer kann Felder bestellen und nur Arbeiter dürfen in Fabriken tätig sein. Somit ist es wichtig eine gewisse Balance zwischen den verschiedenen Schichten zu halten, denn das gesamte Bevölkerungsspektrum wird zum Fortschritt der Siedlung gebraucht – und will auch angenehm leben.

Der Handwerker ist im Moment zufrieden, wird aber mehr Anforderungen stellen.

Je höher die Klasse des Arbeiters ist, desto mehr erwartet er sich von seiner Stadt, dementsprechend muss die Produktpalette durch mehr Betriebe erweitert werden. Sollten die Wünsche der Bewohner zu lange vernachlässigt werden, wird es zu einem Aufstand kommen. Diese lassen sich als letztes Mittel durch Polizei-Einsätzen zerschlagen, oder aber man zensiert die Zeitungen präventiv mit Propaganda, damit das Volk denkt, alles wäre in Ordnung.

Der Artikel zur Knappheit an Nahrung wird einfach gegen kapitalistische Reklame ausgetauscht.

Obwohl die Vernetzung eurer Städte mit Straßen essentiell ist, offenbart sich ein Vehikel ohne Räder als eines der bedeutendsten Waffen in eurem Arsenal: Ab einem gewissen Fortschrittsgrad wird das Schiff zu dem wichtigsten Erkundungsmittel – mit ihm kann nicht nur die Weltkarte erforscht werden, es lassen sich auch Handelsrouten festlegen, die euch mit anderen Herrschern der Gegend einfacher Waren austauschen lassen. Der Seeweg ist in Anno 1800 auch der einzige, um Schlachten auszutragen – für einen aggressiveren Spielstil ist daher eine möglichst gut bewaffnete Armada ratsam. Und nicht zuletzt dienen eure Boote für Expeditionen, die abseits der Karte in einer Art Text-Adventure erzählt werden.

Nicht nur die Wahl eurer Optionen, auch die Moral der Crew ist ausschlaggebend.

Weitere Abwechslungen zum Strategie-Kerngameplay sind nicht ganz so gelungen wie die Expeditionen: Während Foto-Sidequests innerhalb von 10 Sekunden erledigt werden können, sind Aufgaben, in welchen der Spieler quasi wie bei einem Wimmelbild einzelne Personen oder Gegenstände auf dem Bildschirm ausfindig machen muss, eher unpassend und stören den Spielfluss.

„Where’s Waldo?“ in digitaler Form

Fazit

Die Anno-Reihe präsentiert sich mit Anno 1800 in Top-Form und zeigt wie ein Strategietitel auszusehen hat. Die Zufriedenheit der Bevölkerung, die Auslastung der Arbeitskräfte, die Beziehung zu anderen Regenten, die militärischen Befestigungen, die Flottenstärke, die Infrastruktur der Stadt und viele andere Aspekte bestimmen über Erfolg oder Misserfolg. Jedes Detail will beachtet werden und wer nicht richtig plant, wird seine Fehler schon bald erkennen. Abseits der Kampagne können sich Fans im Sandbox-Mode richtig austoben und im Multiplayer aneinander messen, indem sie zeigen, wer schneller die Blüte der Industriellen Revolution erreicht und ein Imperium aufbaut – Anno 1800 lässt in dieser Hinsicht kaum Wünsche offen.

Positiv

+ enthält all die Stärken eines Anno-Ablegers…

+ … und erweitert diese mit noch mehr Inhalten

+ hübsch animierte Story dient als eine Art Tutorial für den Sandbox-Mode

Negativ

– Wimmelbild-Sidequests sind langweilig und irritieren

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Written by: Julian Bieder

Retro-Zocker, Gwent-Experte und eifriger Trophäenjäger