Torment : Tides of Numenera – Review für PC, PlayStation 4 und Xbox One

Ende der 90iger-Jahre herrschte ein riesiger Hype um Dungeon&Dragons-Rollenspiele für den PC. Dafür verantwortlich waren vor allem zwei Studios: BioWare mit Baldur´s Gate und seinem Sequel und die Black Isle Studios, die bereits die ersten beiden Fallout-Titeln gemacht hatten und danach Planescape: Torment und Icewind Dale entwickelten. Die Spiele zeichneten sich durch ihre enorme Qualität im Gameplay- und Storybereich aus und ganz besonders Planescape: Torment legt viel Wert auf Story und Quests, wodurch das Spiel sehr viel In-Game-Text vorzuweisen hat. Nach nun fast 18 Jahren kommt eine spirituelle Fortsetzung für Planescape raus und hinter dem Spiel steht der Entwickler inXile-Studios, welches von ehemaligen Black Isles Studios-Mitarbeitern gegründet wurde. Doch wie spielt sich Torment: Tides of Numenera im Vergleich zu den vielgelobten D&D-Klassikern? Sprich: Kann es seinem Erbe gerecht werden?

Torment: Tides of Numenera basiert wie sein Vorgänger auf einem Tabletop-RPG und kann deshalb bereits auf eine Welt voll an Hintergrundgeschichte und Mythologie zurückgreifen. Die Story ist von Grund auf originell und wirkt komplett unverbraucht. Ihr spielt einen Charakter namens Last Castoff  und seid der „der letzte Abgestoßene“ einer Entität mit dem Titel Changing God, die ihren Körper wechseln kann, wobei der vorherige Körper dabei ein eigenes Bewusstsein erlangt. Früher kümmerte sich der Changing God noch um seine ehemaligen „Hüllen“ väterlich, doch inzwischen ist es ihm egal geworden, was aus ihnen wird. So steigt man als Spieler völlig unvorbereitet in das Spiel ein und hat, nachdem man sich zwischen Nano (Magier), Glaive (Krieger) und Jack (Abenteurer) und sämtlichen Skills entschieden hat, keinen Bezug zu irgendwelchen anderen Charakteren, mit Ausnahme von The Spectre, einem Charakter der in eurem eigenen Geist exisitiert, welchen ihr betreten könnt sobald ihr euch in Trance versetzt oder sterbt. Sobald ihr sterbt, präseniert sich euch wie nicht üblich ein GameOver-Screen, sondern ihr werdet in euren eigenen Geist teleportiert, welcher einen Dungeon darstellt, der mit jedem eurer Tode wächst und in dem ihr nützliche Items und Schätze finden könnt.

An diesem Punkt hatte ich noch nicht das Vergnügen gestorben zu sein, deshalb ist mein „Geist“ noch relativ überschaubar

Zu den nützlichsten Items zählen die Cypher: dabei handelt es sich um einzigartige Objekte, die nur ein einziges Mal einsetzbar sind und durch die man einen Kampf meist einen riesigen Vorteil erringen kann. Von Kämpfen, im Spiel Conflicts betitelt, wird entschieden abgeraten. Falls man einer feindlichen Gruppe gegenüber steht, bietet das Spiel mehrere Wege einer Kampfsituation aus dem Weg zu gehen; falls man aggressiv vorgehen sollte, erhält man weniger Belohnung und einige Folgequest könnten verschlossen bleiben. Um in einigen Situationen kampflos die Oberhand zu behalten, wurde eine Spielemechanik namens Stat Pools eingebaut mit Fokus auf Might (Stärke), Speed (Schnelligkeit) und Intellect (Intelligenz). Wenn in einer Situation zum Beispiel Schnelligkeit erforderlich ist, könnt ihr eure Chancen mithilfe eures (oder dem einer eurer Begleiter) zugehörigen Stat Pools erhöhen, wodurch dieser ausgeschöpft wird. Um ihn wieder zu füllen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, unter anderem kann man einfach eine Runde schlafen.

Allgemein setzt Torment weniger auf Action als auf Dialoge, die gerade zu in einen Textschwall ausarten können. In der ersten Siedlung, Sagus Cliffs, gibt es bereits jede Menge NPCs, mit denen ihr ellenlange Unterhaltungen führen könnt, die meist nur zur Atmosphäre des Spiels beitragen und zur Informationssammlung dienen. Auffällig dabei ist, dass nicht nur das Gesagte angezeigt wird, sondern auch die Gestik unf Mimik eures Gegenüber beschrieben wird. Wären diese Dialoge unmotiviert oder klischeehaft, könnte der Spielspaß schnell ins Langweilige abrutschen, doch die Ideen in dem Spiel so innovativ wie sie unterhaltsam sind. Ein kleines Beispiel: Unter der Stadt befinden sich drei Roboter, die sich früher ein kollektives Gewissen geteilt haben und für Konstruktionsarbeiten eingesetzt wurden. Doch nachdem sie von ihren Erschaffern verlassen worden sind, begannen sich ihr eigenes Gewissen zu entwickeln. Der eine Roboter möchte immer noch seine Arbeit tun und befehligt deshalb als Vorarbeiter eine Gruppe von Menschen. Der zweite hat Kunst und Ästhetik für sich entdeckt, deswegen lässt er sich Muster auf sein Gehäuse gravieren. Der dritte Roboter möchte Nachwuchs haben und versucht zu dem Zweck seine eigenen Roboter zu erschaffen, was ihm jedoch nicht gelingen will und ihn depressiv macht. Ihn könnt ihr natürlich mit einem Quest aushelfen.

Insgesamt macht Torment: Tides of Numenera einen sehr guten Eindruck, man sollte sich vor dem Kauf aber ein bisschen darüber informieren. Der Fokus auf die massigen Dialogtexte im Spiel sagt sicher nicht jedem zu, heutige RPGs wie Mass Effect sind da doch eindeutig actionlastiger. Fans der RPGs aus den 90igern können hier bedenklos zugreifen und auch Leute, die Wert auf eine stimmungsvolle Science-Fiction/Fantasy-Welt Wert legen sollten sich den Titel mal ansehen. Torment muss sich absolut nicht hinter seinen Vorgänger verstecken, die Charaktere, die Welt und die Story sind alle überaus interessant und motivieren zum Weiterspielen. Falls dieser Titel kein Riesenhit für 2017 wird, so wird er doch auf jeden Fall ein Geheimtipp mit Kultstatus werden.

Written by: Julian Bieder

Blogheim.at Logo