Das Spiel mit der virtuellen Realität – VR auf der gamescom 2015

Realität beginnt im Kopf. Man bedenke, das Hirn selbst ist aktuell der komplexeste Prozessor zur Berechnung und Verarbeitung von audiovisuellen Reizen. Durch Wahrnehmung und die Spiegelung der wahrgenommen Reize über Synapsen und Impulse entsteht für jeden einzelnen eine subjektiv wahrgenommene  Realität, wobei wir den Konsens des Wahrgenommenen als objektive Realität bezeichnen.

Virtuelle Realität erweitert unsere Wahrnehmung um das Element der Fantasie. Was wir wahrnehmen, ist nun nicht mehr nur vom Körper abhängig, sondern eine simulierte Realität für Augen, Ohren und Reaktion.

Das sind auch die grundlegenden Sinne, die ein Videospiel allgemein anspricht. Vereint in glasklarem 3D, nahm sich vor allem Oculus Rift dem Spiel mit der virtuellen Realität an. Aber auch andere Hersteller folgten und suchten nach der Grenze zwischen virtuell und real.

Auf der gamescom 2015 besuchten wir deshalb CCP Games, ein isländisches Entwickler-Studio, bekannt für EVE Online. Dort konnten wir uns unsere Dosis VR abholen: EVE Valkyrie für Oculus Rift und Project Nemesis für das Gear VR von Samsung. Hardware und Software-Test in einem – zwei Fliegen mit einer Klappe.

Realitäten kollidieren

Zuerst wurden mein Kollege Andz Kiu und ich in einen kleinen, schwarz ausgekleideten Raum gebeten. Ein großer Bildschirm hing direkt gegenüber vom Eingang. Links davon lag auf einem Tisch bereits das Samsung Gear VR bereit und wartete nur darauf, aufgesetzt zu werden.

Auf der rechten Seite des kleinen kastenförmigen Booths konnte EVE Valkyrie mit Oculus Rift angezockt werden. Wir entschieden uns zuerst für das Gear VR, denn im Gegensatz zu Oculus Rift, war das die krönende Neuheit für unseren Kopf.

Das Gear VR von Samsunsg sitzt gut und lässt sich anhand eines kleinen Touchpad an der Seite bedienen. ©Katharina Dohle

Mit freundlicher Hilfe der Mitarbeiter im CCP-Booth wurde das Gear VR auf unserem Kopf festgeschnallt. Individuell nach Kopfgröße wurde noch an dem einen oder anderen Riemen gezupft und gezurrt, bis alles passte. Rasch noch die Kopfhörer aufgesetzt und das Samsung  Galaxy S6 in das Sichtfenster implementiert. Denn das Besondere am Gear VR ist, dass der eigene Handyscreen als Fenster in die virtuelle Realität dient. Und los gehen kann die Reise in eine andere Realität!

Eine neue Perspektive

Also schauen wir uns mal an, was Oculus Rift, Samsung und CCP Games zusammen bieten können! Project Nemesis heißt das Spiel, in das wir mit dem Gear VR eingetaucht sind. Von Minute Eins hat es überzeugt: Das Zusammenspiel von Hardware und Software, die Usability, der gesamte Eindruck. Mit den gut gepolsterten Kopfhörer auf den Ohren und der Blick auf eine andere Realität gerichtet, fühlte sich an, als wären wir komplett von außen abgeschottet – auf eine gute Art und Weise.

Wir befinden uns im Weltall und können den Kopf in alle Richtungen bewegen. Wie im realen Leben, ändert sich so unser Sichtfeld – und was wir sehen, gefällt uns: Die Atmosphäre, unterstützt von feiner 3D-Grafik und der Kopfbewegung selbst, ist atemberaubend. Als wären wir tatsächlich Piloten eines Raumgleiters, der im Schatten größerer Frachtschiffe fliegt. In der Ferne erspähen wir Planeten, gehüllt in kosmische Nebel. Am liebsten würden wir direkt Kurs auf den Todesstern nehmen.

Hier sieht man nicht, wo unser Bewusstsein sich gerade befindet: Wir sind Piloten agiler kleiner Weltraum-Kampfschiffe. ©Katharina Dohle

Hier sieht man nicht, wo unser Bewusstsein sich gerade befindet: Als Piloten kleiner, agiler Weltraum-Kampfschiffe sagen wir feindlichen Einheiten den Kampf an! ©Katharina Dohle

Doch auf einmal kommt eine Horde gegnerischer Kampfluftschiffe auf uns zu – instinktiv übt der Finger Druck auf das kleine Touchpad aus, und somit gelingt uns ein siegreicher Gegenangriff. Die feindlichen Schiffe explodieren nur so in der Luft. So geht das ein paar Wellen lang – aber plötzlich ist die Munition leer! Bevor Panik im Cockpit ausbricht, rettet eine geschickte Wischbewegung nach hinten die Situation. Kanonen sind wieder abfeuerbereit, Sir!

Auch wenn Project Nemesis mehr einen Momentaufnahme davon ist, was im Bereich des Möglichen innerhalb der VR-Technologie liegt, liefert es einen ausgeprägten Vorgeschmack auf zukünftige Entwicklungen. Dass wir hier im Gegensatz zu Oculus Rift keinen Controller in der Hand halten, hat zusätzlich den Eindruck einer virtuellen Realität verstärkt.

Zwar ist es auch gewöhnungsbedürftig, den Finger nach oben zu halten – doch die überzeugende Darbietung der audiovisuellen Reize ließ dies schnell als gegeben hinnehmen. Project Nemesis und das Gear VR schaffen genau das, was virtuelle Realität schaffen sollte: Eine kleine Reise für das Bewusstsein in ein anderes Szenario und  für einen kleinen Moment weg von dieser Welt.

Wir wollen mehr!

Nachdem das Samsung Gear VR von unseren Köpfen abgeschnallt wurde, blieb die bekanntliche Neu-Orientierung aus. Sofort fanden wir uns in der tatsächlichen Realität wieder zurecht. Doch fertig mit der Dosis VR waren wir noch nicht, wir wollten mehr! Und das bekamen wir auch, mit Oculus Rift und EVE Valkyrie.

Doch die VR-Technologie von Oculus Rift wog wesentlich schwerer auf dem Kopf. Dazu bekamen wir noch einen Controller in die Hand gedrückt und auf einem Monitor konnten alle umstehenden beobachten, was wir für Schabernack trieben.

EVE Valkyrie scheint ein feines Spiel, doch ohne Controller wöre das VR-Feeling noch überzeugender. ©Katharina Dohle

EVE Valkyrie scheint ein feines Spiel, doch ohne Controller wäre das VR-Feeling noch überzeugender. ©Katharina Dohle

EVE Valkyrie als Spiel an sich bot soliden Content. Platziert im Universum von EVE Online, mussten auch hier feindliche Einheiten in den Sphären des Weltalls eliminiert werden. Die Kopfbewegung lenkte wie bei Project Nemesis das Sichtfeld und als wir an uns hinunter blickten, sahen wir sogar unseren Körper im Pilotensitz festgeschnallt. Ließen wir den Blick weiter innerhalb unserer direkten Umgebung schweifen, so fielen die zahlreichen Details im Cockpit auf.

Allerdings konnten wir den Raumgleiter selbst nur mit dem Controller steuern, was zwischendurch zur verwirrenden Augen-Kopf-Hand Koordination führte: Bei der Bewegung mit dem Kopf änderte sich zwar unsere Sicht auf das Geschehen, allerdings musste das Kampfschiff selbst noch mit dem Controller navigiert werden. So einfach und intuitiv wie bei dem Gear VR war es mit Oculus Rift dann doch nicht. Leider gingen so viel Eindrücke von EVE Valkyrie selbst verloren, da es ein hohes Maß an Konzentration erforderte, sich zurecht zu finden.

Nachdem wir uns aus der virtuellen Realität und somit aus EVE Valykrie ausgeklinkt hatten, fiel es wesentlich schwerer, sich im hier und jetzt wieder zu orientieren. Dennoch – CCP Games zeigen auf schneidige und eindrucksvolle Weise, wie sich neue digitale Perspektiven eröffnen können. Mit der passenden Hardware lässt sich ein glorreiches Zeitalter für virtuelle Realitäten erahnen.

Wir können nur mehr hoffen, dass eines Tages Controller nicht mehr notwendig sind, um den eigenen Charakter zu steuern- und somit die Schnittstelle von Realität und Videospiel noch fließender werden. Doch ist es im Interesse der Gesellschaft, ein Game zu schaffen, wo unser Bewusstsein nicht mehr zwischen real und digital unterscheiden kann?

Welches Ausmaß VR tatsächlich einnehmen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass Möglichkeiten, Chancen und Risiken Hand in Hand aufkommen werden. Oder welcher Nerd hat nicht schon davon geträumt, für einige Zeit komplett in seinem Lieblings-Universum zu verschwinden?

Written by: Lina Berehi

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